Der Bildschriftenverlag – der Verlag, der MAD nach Deutschland brachte
LEXIKON
Alfred E. Neumann
9/25/20265 min read
Wer sich mit der Geschichte des deutschen MAD beschäftigt, landet zwangsläufig bei Namen wie Herbert Feuerstein, Klaus Recht oder später dem Williams Verlag. Doch noch bevor Feuerstein dem Magazin seinen unverwechselbaren deutschen Ton gab und bevor auf den Heften „Williams“ stand, musste erst einmal jemand auf die Idee kommen, MAD überhaupt nach Deutschland zu holen.
Dieser jemand war kein einzelner Redakteur, sondern ein Verlag:
der Bildschriftenverlag, kurz BSV.
Im September 1967 brachte der BSV die erste deutsche Ausgabe von MAD an die Kioske. Damit begann eine Geschichte, die 28 Jahre, 300 reguläre Ausgaben und mehrere Verlagsnamen überdauern sollte.
Angefangen hat alles ohne MAD
Die Geschichte des Bildschriftenverlages beginnt bereits 1956 in Hamburg. Damals firmierte das Unternehmen noch unter dem Namen Verlag Internationale Klassiker.
Der Name verrät bereits, womit sich der junge Verlag beschäftigte. Er veröffentlichte die deutsche Ausgabe der amerikanischen Reihe Classics Illustrated, bei uns als Illustrierte Klassiker bekannt. In diesen Comics wurden Werke der Weltliteratur – von Abenteuerromanen bis zu historischen Stoffen – in Bildergeschichten umgesetzt.
Hinter dem Unternehmen stand das internationale Verlagsnetz des amerikanischen Gilberton-Verlags, der seine erfolgreichen Classics Illustrated in verschiedenen europäischen Ländern veröffentlichen ließ. 1957 wurde aus dem deutschen Verlag Internationale Klassiker der Bildschriftenverlag.
Damit begann der Aufbau eines erstaunlich umfangreichen Comicprogramms.
Tarzan, Western und Roboter
Der BSV wurde in den folgenden Jahren zu einem wichtigen Importeur amerikanischer Unterhaltungsliteratur.
Im Programm erschienen unter anderem Tarzan, Sheriff Klassiker, Laurel und Hardy, Turok, Magnus – der Roboterkämpfer und zahlreiche weitere Reihen. Ein großer Teil des Materials stammte von amerikanischen Verlagen wie Dell und Gold Key.
Aus heutiger Sicht besonders bemerkenswert ist das Jahr 1966.
Mit den Hit Comics brachte der Bildschriftenverlag die ersten Marvel-Superhelden in größerem Umfang in deutscher Sprache heraus. Deutsche Leser begegneten dort Figuren wie Spider-Man, Thor, den Fantastischen Vier, den Rächern, Hulk oder den X-Men – teilweise unter heute recht kurios wirkenden deutschen Namen.
Damit schrieb der BSV schon Comicgeschichte, bevor Alfred E. Neumann überhaupt an seiner Tür klopfte.
Amerikanische Eigentümer und eine wichtige Verbindung
1966 wurde der BSV von National Periodical Publications, dem später unter dem Namen DC Comics bekannten Unternehmen, übernommen. Auch weitere europäische Verlagsaktivitäten des Gilberton-Netzwerks gelangten in diesen Konzernverbund.
Dann folgte eine für MAD entscheidende Entwicklung: Im Sommer 1967 übernahm die Kinney National Company sowohl National Periodical als auch dessen Schwesterunternehmen EC Publications – den Verlag von MAD.
Plötzlich befanden sich also der deutsche Bildschriftenverlag und das amerikanische MAD unter demselben Konzerndach.
Der Weg nach Deutschland war frei.
September 1967: MAD wird deutsch
Im September 1967 erschien schließlich MAD Nr. 1 in Deutschland.
Das Heft kostete 1,50 DM, hatte 36 Seiten und wurde vom Bildschriftenverlag herausgegeben. Als Redakteure sind bei der ersten Ausgabe Rolf W. Liersch und Horst Kallmeyer verzeichnet. Das Titelbild stammte von Norman Mingo und war ursprünglich für das amerikanische MAD verwendet worden.
Zunächst war das Konzept recht einfach: Das deutsche MAD sollte im Wesentlichen eine Lizenzausgabe des amerikanischen Originals sein. Bewährte amerikanische Beiträge wurden ausgewählt, übersetzt und für den deutschen Markt aufbereitet.
Damit bekamen deutsche Leser erstmals regelmäßig Arbeiten jener Zeichner zu sehen, die heute zur MAD-Legende gehören: Don Martin, Dave Berg, Sergio Aragonés, Al Jaffee, Antonio Prohías und viele andere.
Schon Ausgaben aus den ersten Jahren zeigen diese Mischung. MAD Nr. 16 von April 1969 enthielt beispielsweise Beiträge von Don Martin und Dave Berg, Spion & Spion sowie eine Rückseite von Al Jaffee.
Alfred E. Neumann war in Deutschland angekommen.
Ein ziemlich bescheidener Anfang
Was später zu einem der erfolgreichsten deutschen Comicmagazine werden sollte, begann erstaunlich klein.
Nach einer historischen Darstellung soll die deutsche Erstausgabe lediglich eine Startauflage von etwa 5.000 Exemplaren gehabt haben. Um 1970 lag die Auflage demnach bei ungefähr 15.000 Exemplaren.
Von den späteren Hunderttausenderauflagen war man also noch weit entfernt.
Und auch inhaltlich war das frühe deutsche MAD noch deutlich stärker vom amerikanischen Original abhängig als in späteren Jahren.
Das Entscheidende sollte erst noch passieren.
Dann kam Herbert Feuerstein
Nach 32 Ausgaben änderte sich die Geschichte des deutschen MAD grundlegend.
Mit Ausgabe 33 im Dezember 1971 übernahm Herbert Feuerstein die redaktionelle Arbeit.
Heute verbindet man die klassische deutsche MAD-Ära so stark mit Feuerstein, dass leicht vergessen wird: Das Magazin existierte zu diesem Zeitpunkt bereits seit mehr als vier Jahren.
Der Bildschriftenverlag hatte also die Grundlage geschaffen. Feuerstein machte daraus anschließend etwas Eigenständiges.
Er übersetzte nicht einfach nur amerikanische Gags. Er begann, Sprache, Namen, Leserbriefe und redaktionelle Elemente an den deutschen Humor anzupassen. Begriffe und Lautmalereien wie „lechz“, „würg“, „ächz“ oder „schluchz“ wurden zu Markenzeichen. Amerikanische Namen wurden teilweise bewusst verballhornt, und zunehmend kamen deutsche Autoren und Zeichner hinzu.
Aus einer übersetzten amerikanischen Zeitschrift entstand Schritt für Schritt ein Magazin mit einer eigenen deutschen Persönlichkeit.
Und dieser Wandel begann noch beim BSV.
Aus BSV wird Williams
Parallel dazu veränderte sich die internationale Konzernstruktur.
Warner Brothers wollte seine europäischen Publikationen Anfang der 1970er-Jahre stärker vereinheitlichen. Der Name Williams wurde für mehrere europäische Verlage eingeführt.
Beim deutschen Unternehmen tauchte deshalb zunächst die Bezeichnung „Bildschriftenverlag / Abteilung Williams“ auf. Der Verlag zog außerdem von Aachen nach Alsdorf.
1973 übernahm Klaus Recht die Geschäftsführung. Im Oktober desselben Jahres entstand schließlich ein eigenständiger Williams Verlag in Hamburg.
1974 wurde der ursprüngliche Bildschriftenverlag aufgelöst beziehungsweise seine Tätigkeit im neuen Verlagsgefüge fortgeführt.
Für die Leser verlief dieser Übergang wesentlich unspektakulärer, als es die wechselnden Firmennamen vermuten lassen.
MAD erschien einfach weiter.
Das Erbe des BSV
Erst nach dem Ende des eigentlichen Bildschriftenverlages begann MAD seinen ganz großen Aufstieg.
Unter Herbert Feuerstein entwickelte sich das Magazin in den 1970er-Jahren zur Kultlektüre. Mitte des Jahrzehnts gehörte MAD für viele Schüler und Studenten fast zur Grundausstattung. Anfang der 1980er-Jahre sollen monatlich zeitweise mehr als 300.000 Exemplare verkauft worden sein.
Es folgten MAD-Taschenbücher, MAD Extra, Super-MAD und weitere Ableger.
1995 endete die erste deutsche MAD-Serie schließlich mit Ausgabe Nr. 300.
Zwischen der kleinen Nummer 1 des Jahres 1967 und dieser Nummer 300 lagen fast drei Jahrzehnte deutscher Satiregeschichte.
Doch begonnen hatte alles beim Bildschriftenverlag.
Für MAD-Sammler ist die BSV-Phase heute eine eigene kleine Epoche.
Der Bildschriftenverlag wird heute außerhalb von Sammlerkreisen kaum noch jemandem etwas sagen.
Dabei hinterließ der BSV erstaunliche Spuren.
Er brachte die Illustrierten Klassiker nach Deutschland, veröffentlichte Tarzan und zahlreiche amerikanische Comicserien, präsentierte deutschen Lesern schon 1966 Marvel-Superhelden – und brachte schließlich 1967 MAD nach Deutschland.
Für uns MAD-Fans ist vor allem dieser letzte Punkt entscheidend.
Ohne den Bildschriftenverlag hätte es die spätere Ära von Herbert Feuerstein und Klaus Recht in dieser Form vermutlich nicht gegeben. Ohne BSV keine deutsche Nummer 1. Keine ersten Don-Martin-Geschichten am deutschen Kiosk. Keine frühen Spion & Spion-Seiten. Und vielleicht auch keine Generation von Lesern, die Wörter wie „lechz“ und „würg“ irgendwann ganz selbstverständlich in ihren Sprachschatz übernahm.
Der Bildschriftenverlag selbst verschwand bereits in den 1970er-Jahren.
Aber das Verrückteste, was er nach Deutschland brachte, lebte noch lange weiter: MAD.


