Herbert Feuerstein – der Mann, der das deutsche MAD erfand

LEXIKON

Alfred E. Neumann

9/1/20266 min read

Wenn Harvey Kurtzman der Vater des amerikanischen MAD war, dann lässt sich über Herbert Feuerstein für Deutschland etwas ganz Ähnliches sagen.

Er hat MAD nicht erfunden. Er hat Alfred E. Neumann nicht erfunden. Don Martin, Sergio Aragonés, Al Jaffee und Mort Drucker gab es längst.

Aber Feuerstein machte aus der deutschen Ausgabe etwas, das weit mehr war als eine Übersetzung des amerikanischen Originals.

Er schuf ein deutsches MAD.

Und damit beeinflusste er über zwei Jahrzehnte den Humor einer ganzen Generation.

Vom Mozarteum nach New York

Herbert Feuerstein wurde am 15. Juni 1937 in Zell am See in Österreich geboren. Nach dem Abitur studierte er am Salzburger Mozarteum Klavier, Cembalo und Komposition.

Seine musikalische Laufbahn endete allerdings auf ausgesprochen Feuerstein'sche Weise: 1959 wurde er nach einer Auseinandersetzung mit dem Präsidenten der Hochschule vom Mozarteum verwiesen.

1960 folgte er seiner damaligen Freundin Pearl Higa nach New York. Dort heirateten die beiden, und Feuerstein begann eine journalistische Karriere.

Fast zehn Jahre arbeitete er für die deutschsprachige New Yorker Staats-Zeitung, zuletzt sogar als Chefredakteur. Nebenbei schrieb er für Rundfunkanstalten und arbeitete als Amerika-Korrespondent der deutschen Satirezeitschrift pardon.

Diese Jahre waren später für MAD enorm wichtig.

Feuerstein kannte die amerikanische Kultur aus eigener Erfahrung. Er verstand ihre Werbung, ihre Sprache, ihre Medien und ihren Humor.

Und genau deshalb wusste er später auch, was davon in Deutschland funktionieren würde – und was nicht.

Dezember 1971: Feuerstein übernimmt MAD

Das deutsche MAD existierte bereits seit September 1967.

Doch mit Ausgabe Nr. 33 vom Dezember 1971 begann eine völlig neue Phase. Herbert Feuerstein übernahm die Redaktion und blieb anschließend rund 20 Jahre lang für das Magazin verantwortlich. Seine letzte Ausgabe war MAD Nr. 276 im April 1992.

Feuerstein selbst erinnerte sich später:

„Meine erste Ausgabe war die Nummer 33.“

Als er anfing, verkaufte das deutsche MAD nach seinen Angaben ungefähr 15.000 Exemplare. In den erfolgreichsten Jahren stieg die Auflage auf mehrere hunderttausend Exemplare. Quellen nennen Spitzenwerte von etwa 300.000 bis 400.000 Heften.

Damit wurde aus einem kleinen Lizenzprodukt eines der erfolgreichsten deutschen Humor- und Comicmagazine seiner Zeit.

Die MAD-Redaktion? Herbert Feuerstein.

Wer sich bei „MAD-Redaktion“ ein großes Büro voller Autoren, Zeichner und Redakteure vorstellt, liegt zumindest für einen erheblichen Teil der Feuerstein-Ära falsch.

Feuerstein beschrieb die Situation später ziemlich trocken:

„Die gab es nicht. Ich habe alles allein zu Hause gemacht.“

Freie Mitarbeiter gab es natürlich. Aber Feuerstein koordinierte, übersetzte, redigierte, schrieb neue Texte, entwickelte Ideen und entschied, welche amerikanischen Beiträge für Deutschland geeignet waren.

Und er war offenbar geradezu pedantisch.

Gunter Baars, der später eng mit ihm zusammenarbeitete, erinnerte sich:

„Herbert Feuerstein hat jedes Komma und jeden Punkt in MAD kontrolliert.“

Baars bezeichnete Feuerstein ausdrücklich als seinen Mentor.

Übersetzen reichte Feuerstein nicht

Das frühe deutsche MAD hatte vor allem jene amerikanischen Beiträge übernommen, die sich problemlos übertragen ließen.

Don Martin funktionierte fast überall.

Spion & Spion ebenfalls.

Schwieriger wurde es bei Wortspielen, amerikanischen Fernsehstars, Werbung, Politik oder gesellschaftlichen Anspielungen.

Feuerstein erkannte schnell:

Wenn MAD in Deutschland wirklich erfolgreich sein sollte, durfte man die amerikanische Ausgabe nicht einfach nur übersetzen.

Also begann er Texte umzuschreiben.

Witze wurden ersetzt.

Namen wurden verändert.

Amerikanische Anspielungen bekamen deutsche Entsprechungen.

Und irgendwann entstanden zunehmend Beiträge, die überhaupt kein amerikanisches Original mehr benötigten.

Das war der entscheidende Schritt.

Das deutsche MAD bekommt eigene Künstler

Feuerstein holte eigene deutsche Autoren und Zeichner ins Magazin.

Dazu gehörten im Laufe der Jahre unter anderem Ivica Astalos, Rolf Trautmann, Dieter Stein, Nils Fliegner und Gunter Baars.

Viele dieser Namen begegnen uns inzwischen auch in unserer MAD-Fanclub-Reihe.

Plötzlich konnte MAD Dinge machen, die das amerikanische Heft niemals hätte machen können:

deutsche Politiker parodieren,

deutsches Fernsehen verspotten,

deutsche Werbung auseinandernehmen,

deutsche Prominente zeichnen,

und deutsche Alltagskultur mit dem typischen MAD-Blick betrachten.

So entstand etwas Eigenständiges.

Ein Leser musste nicht wissen, wer irgendein amerikanischer Senator oder Fernsehmoderator war.

MAD konnte genauso gut über Tatort, Lindenstraße, Thomas Gottschalk oder deutsche Schüler, Lehrer und Eltern herfallen.

Feuersteins Sprache

Ein wichtiger Teil dieser deutschen Identität war die Sprache.

Das deutsche MAD entwickelte einen ganz eigenen Ton: frech, respektlos, albern und voller absurder Wortschöpfungen.

Besonders bekannt wurden sogenannte Inflektive wie:

lechz, würg, stöhn oder ähnliche verkürzte Verben, die Gefühle und Geräusche wie Regieanweisungen ausdrückten.

Solche Formen wurden durch Comics und insbesondere die Feuerstein-Ära von MAD so populär, dass sie in die deutsche Jugend- und Alltagssprache eingingen.

Damit beeinflusste MAD nicht nur, worüber Jugendliche lachten.

Es beeinflusste teilweise sogar, wie sie miteinander schrieben und sprachen.

MAD als Geschäft seines Lebens

Feuerstein bewies dabei auch geschäftlichen Instinkt.

Statt einfach nur eine höhere feste Bezahlung zu verlangen, ließ er sich nach eigener Darstellung am Erfolg des Magazins beteiligen.

Das war eine ausgesprochen gute Entscheidung.

Denn aus den anfänglich etwa 15.000 verkauften Exemplaren wurden zeitweise mehrere hunderttausend.

Dabei nahm Feuerstein MAD keineswegs als bloßen Broterwerb wahr.

In Interviews betonte er immer wieder, wie sehr er das Magazin liebte und wie viel Arbeit er hineinsteckte.

Aus dem Nebenjob wurde nach ungefähr zwei Jahren sein Hauptberuf.

Der tiefere Sinn des Blödsinns

Wer Feuersteins späteren Humor kennt, erkennt darin vieles von MAD wieder.

Sein Humor war selten einfach nur albern.

Hinter dem Unsinn steckte fast immer ein Misstrauen gegenüber Gewissheiten, Autoritäten und Menschen, die sich selbst besonders ernst nahmen.

Der WDR würdigte ihn später mit den Worten „kluger Humor“, „herrliche Albernheit“ und „intelligent durchdachter Anarchismus“.

Das könnte genauso gut eine Beschreibung von MAD sein.

Feuerstein selbst verstand Blödsinn durchaus als eine Form des Widerstands gegen eine zu ernst genommene Welt.

Und genau deshalb passte er so gut zu Alfred E. Neumann.

Herbert Feuerstein und Alfred E. Neumann

Interessanterweise war Feuerstein für Millionen deutscher Leser vollkommen unsichtbar.

Sein Name stand zwar im Impressum und tauchte immer wieder auf.

Aber MAD hatte einen anderen Star:

Alfred E. Neumann.

Der Junge mit den abstehenden Ohren und der Zahnlücke war das Gesicht des Magazins.

Feuerstein sorgte dafür, dass Alfred auch in Deutschland funktionierte.

Dabei entwickelte sich eine eigenartige Situation: Manche Leser hielten „Herbert Feuerstein“ selbst für einen erfundenen MAD-Namen – ähnlich wie einige der absurden Namen, die im Magazin auftauchten. Die Zeit erinnerte später ausdrücklich an dieses Phänomen.

Eigentlich ein perfektes Kompliment.

Wer zwanzig Jahre lang MAD macht und irgendwann selbst wie eine erfundene MAD-Figur klingt, hat seinen Job vermutlich verstanden.

1992 endet eine Ära

Im Frühjahr 1992 verließ Herbert Feuerstein MAD.

Seine Fernsehkarriere hatte längst begonnen, immer mehr Zeit zu beanspruchen.

Mit seinem Abschied endete eine Epoche.

Das deutsche MAD existierte weiter, aber die rund zwanzig Jahre unter Feuerstein wurden für viele ältere Leser zur klassischen deutschen MAD-Zeit.

Und die Zahlen zeigen, wie stark sein Einfluss gewesen war.

Aus einem Heft mit rund 15.000 Lesern hatte er ein Magazin gemacht, das zeitweise hunderttausende Menschen Monat für Monat kauften.

Dann kam Harald Schmidt

Für einen großen Teil der deutschen Öffentlichkeit beginnt die Geschichte Herbert Feuersteins erst dort, wo seine MAD-Geschichte fast endet.

Beim Fernsehen.

Ab Ende der 1980er-Jahre arbeitete Feuerstein zunehmend für den WDR. Es folgten unter anderem „Pssst…“ und schließlich die legendäre Sendung:

„Schmidteinander“

Gemeinsam mit Harald Schmidt wurde Feuerstein einem Millionenpublikum bekannt.

Dabei spielte er häufig den kleinen, älteren, scheinbar unterlegenen Mann, den Schmidt beleidigte, demütigte oder in absurde Situationen brachte.

Der entscheidende Punkt:

Feuerstein schrieb viele dieser Gemeinheiten selbst.

Das Opfer war gleichzeitig einer der Erfinder der Pointe.

Eigentlich sehr MAD.

Feuersteins Reisen und zwölf Stunden Wahnsinn

Nach Schmidteinander entwickelte Feuerstein zahlreiche weitere Formate.

Von 1995 bis 1998 präsentierte er „Feuersteins Reisen“.

1997 und 1998 moderierte er außerdem jeweils eine Ausgabe von „Feuersteins Nacht“ – unglaubliche zwölf Stunden live im WDR Fernsehen.

Hinzu kamen Filme, Hörfunk, Theaterrollen, Bücher und zahlreiche Fernsehauftritte.

Feuerstein erhielt unter anderem den Grimme-Preis, einen Bambi und den deutschen Comedy-Ehrenpreis. 2017 wurde er auf dem Comicfestival München außerdem mit dem PENG!-Preis für sein Lebenswerk ausgezeichnet.

Seinen eigenen Nachruf schrieb er natürlich selbst

Selbst mit seinem Tod ging Feuerstein auf ungewöhnliche Weise um.

Bereits 2015 produzierte er für den WDR seinen eigenen Nachruf.

Anke Engelke besuchte ihn dafür in seinem Haus in Erftstadt. Feuerstein erzählte aus seinem Leben und bereitete damit Jahre vor seinem tatsächlichen Tod bereits die Sendung vor, die später einmal an ihn erinnern sollte.

Am 6. Oktober 2020 starb Herbert Feuerstein im Alter von 83 Jahren in Erftstadt.

Der wichtigste Mann des klassischen deutschen MAD

Für das amerikanische MAD stehen Namen wie Harvey Kurtzman und Al Feldstein.

Für die klassische deutsche Ausgabe steht vor allem:

Herbert Feuerstein.

Er übersetzte MAD nicht einfach.

Er übertrug dessen Geist in eine andere Kultur.

Er brachte deutsche Autoren und Zeichner ins Heft.

Er machte aus amerikanischen Witzen deutsche Witze.

Er entwickelte eigene Beiträge.

Er kontrollierte jedes Komma.

Und er verwandelte eine kleine Lizenzzeitschrift mit etwa 15.000 Käufern in ein Kultmagazin mit mehreren hunderttausend Lesern.

Don Martin brachte uns zum Lachen.

Sergio Aragonés füllte die Ränder.

Al Jaffee ließ uns Seiten falten.

Alfred E. Neumann grinste vom Titelbild.

Aber der Mann, der dafür sorgte, dass all dieser Wahnsinn auf Deutsch genauso wunderbar funktionierte, hieß:

Herbert Feuerstein.