Al Jaffee – der Mann, der Millionen MAD-Hefte zum Falten brachte
LEXIKON
Alfred E. Neumann
8/4/20268 min read


Nach seiner Rückkehr in die Vereinigten Staaten besuchte Jaffee die High School of Music & Art in New York.
Dort traf er zwei junge Männer, die später ebenfalls eine entscheidende Rolle in der Geschichte von MAD spielen sollten:
Harvey Kurtzman und Will Elder.
Kurtzman wurde bekanntlich 1952 zusammen mit Verleger William M. Gaines zum Schöpfer des MAD-Comics und dessen erstem Herausgeber. Will Elder gehörte wiederum zu den wichtigsten Künstlern der frühen MAD-Jahre.
Jaffees Verbindung zur späteren „Usual Gang of Idiots“ begann also bereits lange vor MAD.
Comics statt seriöser Beruf
Seine professionelle Comic-Karriere begann während des Zweiten Weltkriegs.
Im Dezember 1942 erschien seine erste veröffentlichte Comic-Arbeit in Joker Comics. Von diesem Zeitpunkt an arbeitete Jaffee über Jahrzehnte nahezu ohne Unterbrechung als Cartoonist.
Er zeichnete unter anderem für Timely Comics, den Verlag, aus dem später Marvel Comics hervorging.
Auch die damals populären Teenager-Comics um Patsy Walker gehörten zu seinen Arbeiten.
Doch Jaffee war weniger daran interessiert, einfach nur vorgegebene Geschichten zu illustrieren. Seine besondere Stärke lag darin, eigene verrückte Ideen zu entwickeln.
Und dafür gab es kaum einen besseren Ort als MAD.
Al Jaffee kommt zu MAD
Jaffees erster Beitrag erschien in MAD Nr. 25 vom September 1955.
Interessanterweise war er dabei zunächst nicht als Zeichner tätig. Er schrieb den Beitrag „Baseball... Science or Skill?“, der von Jack Davis illustriert wurde.
Damit begann eine Verbindung, die unglaubliche 65 Jahre dauern sollte.
Zwischendurch folgte Jaffee seinem Freund Harvey Kurtzman, als dieser MAD verließ. Er arbeitete unter anderem an Kurtzmans kurzlebigen Magazinen Trump und Humbug.
Als diese Projekte scheiterten, kehrte Jaffee zu MAD zurück.
Unter Chefredakteur Al Feldstein entwickelte er schließlich jene Ideen, die seinen Namen untrennbar mit dem Magazin verbinden sollten.
Die geniale Idee: das MAD Fold-In
Im Frühjahr 1964 erschien in MAD Nr. 86 etwas völlig Neues.
Auf der Innenseite des hinteren Umschlags befand sich eine große Zeichnung mit einer Frage.
Doch die eigentliche Pointe konnte man nicht einfach lesen.
Man musste die Seite falten.
Die beiden äußeren Bildbereiche wurden nach innen geknickt und bildeten plötzlich ein völlig neues Motiv – zusammen mit einer überraschenden Antwort.
Das MAD Fold-In war geboren.
Eine Parodie auf den Playboy
Die Idee war ursprünglich als Witz auf die damals beliebten ausklappbaren Magazinseiten gedacht.
Insbesondere Magazine wie Playboy machten mit großen „Fold-Outs“ auf sich aufmerksam.
Jaffee drehte die Idee einfach um.
MAD bot kein Fold-Out, sondern ein:
Fold-In
Man bekam also nicht mehr Papier, sondern musste das vorhandene Papier zusammenfalten.
Typisch MAD.
Der erste Fold-In in MAD Nr. 86 beschäftigte sich mit dem damaligen Traumpaar Elizabeth Taylor und Richard Burton.
Eigentlich sollte es bei diesem einen Experiment bleiben.
Doch die Redaktion wollte einen zweiten.
Dann einen dritten.
Und irgendwann war klar:
Der Fold-In gehörte zu MAD.
Mehr als 450 Fold-Ins
Aus dem einmaligen Gag wurde eine jahrzehntelange Institution.
Jaffee entwickelte schließlich mehr als 450 Fold-Ins. Nahezu jedes neue MAD-Heft endete irgendwann mit seiner gefalteten Pointe.
Das Besondere daran war nicht nur der Witz.
Jaffee musste praktisch rückwärts denken.
Er benötigte zunächst zwei Bilder:
das große Bild im ungefalteten Zustand
das neue Bild nach dem Zusammenfalten
Beide mussten gleichzeitig funktionieren.
Gesichter, Gebäude, Gegenstände und Schriftteile mussten nach dem Falten exakt zueinanderpassen.
Und das alles wurde jahrzehntelang von Hand konstruiert.
Keine Bildbearbeitung.
Keine automatische Verzerrung.
Kein Photoshop.
Nur Papier, Zeichnung, Planung – und ein ungewöhnlich räumliches Vorstellungsvermögen.
Warum Sammler beim Fold-In ein Problem haben
Für heutige MAD-Sammler ergibt sich daraus ein interessantes Dilemma.
Ein Fold-In ist eigentlich dafür gemacht, gefaltet zu werden.
Aber genau dadurch entsteht ein deutlicher Knick im Heft.
Ein perfekt erhaltenes Sammlerexemplar sollte dagegen möglichst ungeknickt sein.
Damit stehen sich zwei Interessen gegenüber:
Leser:
„Ich will wissen, was dabei herauskommt!“
Sammler:
„Fass bloß die Rückseite nicht an!“
MAD-Verleger William M. Gaines soll die Idee durchaus gefallen haben, weil besonders fanatische Leser möglicherweise zwei Exemplare kauften: eines zum Falten und eines zum Aufbewahren.
Ob Gaines diesen Hintergedanken wirklich vollkommen ernst meinte, passt jedenfalls hervorragend zu MAD.
„Snappy Answers to Stupid Questions“
Das Fold-In allein hätte gereicht, um Al Jaffee unsterblich zu machen.
Aber dann wäre da noch eine zweite legendäre Serie:
Snappy Answers to Stupid Questions
Auf Deutsch sinngemäß:
Schlagfertige Antworten auf dumme Fragen.
Die Idee entstand angeblich bei einer Alltagssituation.
Jaffee befand sich auf dem Dach seines Hauses und reparierte eine Antenne. Sein Sohn kam zu ihm und fragte:
„Wo ist Mom?“
Jaffee reagierte mit einer bewusst absurden Antwort – sinngemäß, er habe sie umgebracht und stopfe sie gerade in den Schornstein.
Damit war die Idee geboren:
Was wäre, wenn man auf völlig überflüssige Fragen genauso überflüssig-sarkastische Antworten geben würde?
„Sind das Zwillinge?“
Das Prinzip war einfach.
Eine Situation ist vollkommen offensichtlich.
Trotzdem stellt jemand eine Frage wie:
„Sind das Zwillinge?“
Und statt höflich „Ja“ zu sagen, folgen mehrere vollkommen absurde Antworten.
Genau diese Art Humor wurde zu einem Markenzeichen Jaffees.
Die erste reguläre Folge „MAD's Snappy Answers to Stupid Questions“ erschien in MAD Nr. 98 vom Oktober 1965.
Später erschienen zahlreiche weitere Folgen sowie eigene Bücher mit den „Snappy Answers“.
Al Jaffee, der Erfinder
Eine weitere große Stärke Jaffees waren seine absurden Erfindungen.
Unter Überschriften wie „MAD Inventions“ präsentierte er Geräte, die scheinbar völlig übertrieben waren.
Das Problem:
Einige davon wurden Jahre später tatsächlich Realität.
Jaffee zeichnete beispielsweise übertriebene Rasierer mit immer mehr Klingen – lange bevor moderne Hersteller begannen, genau solche Systeme auf den Markt zu bringen.
Auch andere Ideen erinnerten später erstaunlich stark an reale Produkte und technische Entwicklungen.
MAD würdigte diese Fähigkeit sogar noch anlässlich seines 100. Geburtstags.
Jaffee war damit eine eigenartige Mischung aus:
Cartoonist, Satiriker, Konstrukteur und unfreiwilligem Zukunftsforscher.
Al Jaffee im deutschen MAD
Auch deutsche MAD-Leser kamen früh mit Jaffees Arbeit in Berührung.
Das MAD-Faltblatt wurde zu einem festen Bestandteil der deutschen Ausgabe.
Bereits Deutsches MAD Nr. 4 enthielt ein Fold-In. Das deutsche MAD übernahm damit eines der wichtigsten Elemente des amerikanischen Originals.
In späteren deutschen Ausgaben erschienen regelmäßig weitere Jaffee-Faltblätter.
Beispielsweise findet sich in Deutsches MAD Nr. 19 nicht nur ein Fold-In, sondern gleich mehrere Beiträge von Jaffee.
Auch in Deutsches MAD Nr. 24 wurde eines seiner ursprünglich farbigen amerikanischen Fold-Ins in Schwarz-Weiß veröffentlicht.
Für deutsche Sammler ergibt sich damit ein spannendes Spezialgebiet:
US-Original und deutsche Veröffentlichung eines Jaffee-Fold-Ins nebeneinander sammeln.
Gerade bei älteren Ausgaben kann man dabei interessante Unterschiede in Übersetzung, Gestaltung und Druck entdecken.
Ein Weltrekord für MAD
2016 bekam Jaffees außergewöhnlich lange Karriere auch offiziell einen Eintrag im Guinness-Buch der Rekorde.
Guinness zeichnete ihn für die längste Karriere eines Comiczeichners aus.
Damals arbeitete er bereits seit 73 Jahren und drei Monaten professionell. Sein erstes veröffentlichtes Werk war im Dezember 1942 erschienen.
Als Jaffee schließlich 2020 in den Ruhestand ging, verzeichnete Guinness eine Karriere von mehr als 77 Jahren.
Er war zu diesem Zeitpunkt:
99 Jahre alt.
500 von 550 MAD-Ausgaben
Noch beeindruckender ist eine andere Zahl.
Nach Angaben des Smithsonian hatte Jaffee bis zu seinem Ruhestand an ungefähr 500 der ersten 550 MAD-Ausgaben mitgewirkt.
Kaum ein anderer Künstler ist daher so eng mit der Geschichte des Magazins verbunden.
Von den 1950er-Jahren über Vietnam, Watergate und Reagan bis hin zum Internetzeitalter kommentierte Jaffee mehr als ein halbes Jahrhundert amerikanischer Alltagskultur.
Und sehr häufig befand sich seine Pointe ausgerechnet auf der letzten Seite.
Die „Usual Gang of Idiots“
MAD bezeichnete seine Autoren und Zeichner bekanntlich liebevoll als die:
„Usual Gang of Idiots“
Die übliche Bande von Idioten.
Al Jaffee wurde mit den Jahren zum Elder Statesman dieser außergewöhnlichen Gruppe.
Zu ihr gehörten unter anderem:
Don Martin, Sergio Aragonés, Mort Drucker, Dave Berg, Antonio Prohías, Jack Davis, Paul Coker Jr., Frank Jacobs und viele weitere.
Guinness bezeichnete Jaffee selbst als einen der prägenden Veteranen dieser legendären MAD-Mannschaft.
Anerkennung unter Cartoonisten
Hinter dem scheinbar albernen MAD-Humor steckte ein technisch außergewöhnlich versierter Zeichner.
Charles M. Schulz, der Schöpfer der Peanuts, soll über ihn gesagt haben, Jaffee könne praktisch alles zeichnen.
Sein langjähriger MAD-Kollege Sergio Aragonés hob besonders hervor, dass Jaffee nicht nur eine spezielle Stärke besaß, sondern praktisch jede Form des Cartoonzeichnens beherrschte.
2008 erhielt Jaffee den Reuben Award, die höchste Auszeichnung der National Cartoonists Society.
2013 wurde er außerdem in die Will Eisner Award Hall of Fame aufgenommen.
Mit 99 Jahren in Rente
Am 6. Juni 2020 gab Al Jaffee seinen Ruhestand bekannt.
MAD widmete seinem Abschied eine eigene Ausgabe.
Und selbstverständlich enthielt sie noch einmal:
ein letztes Fold-In von Al Jaffee.
Damit endete nach rund 65 Jahren seine aktive Mitarbeit bei MAD.
Seine berühmteste Idee hatte zu diesem Zeitpunkt bereits 56 Jahre überlebt.
Al Jaffee starb am 10. April 2023 in Manhattan.
Er wurde 102 Jahre alt.
Mit seinem Tod verlor MAD einen der letzten großen Vertreter jener Generation, die das Magazin in den 1950er- und 1960er-Jahren zu einem kulturellen Phänomen gemacht hatte.
Doch seine Arbeiten sind bis heute in MAD präsent.
Und seine vielleicht größte Leistung besteht darin, dass jeder MAD-Leser beim Anblick einer Rückseite mit zwei Pfeilen intuitiv weiß:
Jetzt wird gefaltet.
Warum Al Jaffee für MAD-Sammler so wichtig ist
Wer eine MAD-Sammlung aufbaut, begegnet Al Jaffee praktisch überall.
Besonders interessant sind:
MAD Nr. 25 (1955) – Jaffees erster MAD-Beitrag
MAD Nr. 86 (1964) – das erste Fold-In
MAD Nr. 98 (1965) – die erste reguläre Folge „Snappy Answers to Stupid Questions“
frühe deutsche Ausgaben mit Jaffee-Faltblättern
MAD-Taschenbücher mit seinen „Snappy Answers“
Bücher und Sammelbände mit Fold-Ins
Originalzeichnungen und Produktionsvorlagen
Jaffees Abschiedsausgabe von 2020
Vor allem MAD Nr. 86 besitzt aus historischer Sicht eine besondere Bedeutung, denn dort begann eine Tradition, die mehr als ein halbes Jahrhundert Bestand hatte.
Für Sammler kommt noch ein weiterer Faktor hinzu:
Ein altes MAD mit ungefaltetem Fold-In ist naturgemäß schwieriger zu finden als eines, bei dem ein früherer Besitzer der Versuchung nicht widerstehen konnte.
Der Mann, der MAD buchstäblich faltete
Al Jaffees Humor funktionierte auf eine Weise, die perfekt zu MAD passte.
Er erklärte dem Leser den Witz nicht.
Er machte ihn zum Teil davon.
Wer die Pointe eines Fold-Ins sehen wollte, musste selbst tätig werden. Man nahm das Magazin in die Hand, knickte zwei Seitenbereiche zusammen – und plötzlich entstand aus einem Bild ein vollkommen anderes.
Das war Comic, Rätsel und Satire gleichzeitig.
Vielleicht erklärt genau das, warum der Fold-In so lange funktionierte.
Digitale Bilder lassen sich vergrößern, wischen oder anklicken.
Aber ein echter Jaffee-Fold-In verlangt etwas anderes:
Man muss ein MAD-Heft anfassen und es kaputtmachen.
Zumindest ein kleines bisschen.
Was hätte besser zu MAD passen können?
Quelle: Luigi Novi / Wikipedia




Es gibt MAD-Zeichner, deren Arbeiten man sofort erkennt. Don Martin mit seinen grotesken Figuren. Sergio Aragonés mit seinen winzigen Randzeichnungen. Mort Drucker mit seinen grandiosen Filmparodien.
Und dann gibt es Al Jaffee.
Ein Mann, der es geschafft hat, dass Generationen von MAD-Lesern etwas taten, was Sammler normalerweise um jeden Preis vermeiden:
Sie knickten ihre Hefte.
Mit dem legendären MAD Fold-In schuf Al Jaffee eines der berühmtesten und langlebigsten Elemente in der Geschichte des MAD Magazins. Doch das Faltblatt war nur ein Teil eines außergewöhnlichen Lebenswerks.
Al Jaffee zeichnete und schrieb mehr als sieben Jahrzehnte lang Comics – und wurde damit sogar zum Weltrekordhalter.
Wer war Al Jaffee?
Al Jaffee wurde am 13. März 1921 in Savannah im US-Bundesstaat Georgia als Abraham Jaffee geboren. Seine Eltern waren jüdische Einwanderer aus Litauen.
Seine Kindheit verlief ungewöhnlich und teilweise dramatisch. Im Alter von sechs Jahren nahm seine Mutter ihn und seine Brüder mit zurück nach Litauen. Dort lebte die Familie zeitweise unter sehr einfachen Bedingungen im damaligen Schtetl von Zarasai.
Zeichnen wurde für den jungen Al zu einer wichtigen Beschäftigung. Wenn kein Papier vorhanden war, zeichnete er nach eigener Erinnerung sogar mit einem Stock in den Boden.
Später kehrte Jaffee mit seinen Brüdern in die USA zurück. Seine Mutter blieb in Europa zurück. Er sah sie nie wieder; sie wurde vermutlich während des Holocaust ermordet.
Diese Erfahrungen dürften auch seinen späteren Humor geprägt haben: Autoritäten wurden grundsätzlich hinterfragt, vermeintlich vernünftige Regeln auf ihre Absurdität geprüft und Erwachsene keineswegs automatisch ernst genommen.
Perfekte Voraussetzungen für eine Karriere bei MAD.
Harvey Kurtzman, Will Elder und Al Jaffee
