Klaus Recht – der Verleger hinter dem deutschen MAD
LEXIKON
Alfred E. Neumann
9/15/20264 min read


Ein Mann mit Privatflugzeug, ein Chefredakteur mit ausgeprägtem Eigensinn und ein Magazin, das zeitweise Hunderttausende Leser erreichte.
Die Geschichte des deutschen MAD ist nicht nur eine Geschichte von Zeichnern, Autoren und schlechten Witzen. Sie ist auch die Geschichte eines Verlegers, der das wirtschaftliche Fundament dafür schuf: Klaus Recht.
Über zwei Jahrzehnte lang stand er hinter der klassischen deutschen Ausgabe. Nach Herbert Feuersteins Weggang übernahm er sogar selbst die Chefredaktion – und führte MAD bis zu seiner letzten Ausgabe im Jahr 1995.
Vom Bildschriftenverlag zu Williams
Klaus Recht kam 1973 als Geschäftsführer zum Bildschriftenverlag (BSV). Aus dessen Verlagsaktivitäten entwickelte sich der Williams-Verlag, der in den folgenden Jahren eine wichtige Rolle auf dem deutschen Comicmarkt spielte.
Ab 1974 war Recht alleiniger Geschäftsführer und später auch Eigentümer des Verlags. Unter seiner Verantwortung erschienen nicht nur MAD, sondern auch deutsche Marvel-Comics.
Dazu gehörten Titel wie Die Spinne, Die Fantastischen Vier, Hulk und Thor.
Für viele Comicfans ist der Name Williams deshalb bis heute untrennbar mit den deutschen Superheldenheften der 1970er-Jahre verbunden.
Doch wirtschaftlich sollte ausgerechnet MAD zum großen Erfolg werden.
MAD finanziert die Superhelden
Während die Marvel-Produktionen mit Schwierigkeiten zu kämpfen hatten, entwickelte sich das deutsche MAD zu einem ausgesprochen erfolgreichen Zeitschriftentitel.
Der wachsende Erfolg des Satiremagazins half, die Verluste anderer Verlagsbereiche auszugleichen.
Das ist eine bemerkenswerte Vorstellung:
Spider-Man und die Fantastischen Vier waren auf dem deutschen Markt nicht unbedingt die größten Helden des Verlegers.
Der zuverlässigere Retter war offenbar ein Junge mit Segelohren, Zahnlücke und einem Gesichtsausdruck, der nicht gerade nach wirtschaftlicher Vernunft aussah.
Recht und Feuerstein
Die kreative Persönlichkeit des deutschen MAD war über viele Jahre Herbert Feuerstein.
Er prägte den Humor, die Übersetzungen, die Leserbriefseiten und die Entwicklung eigener deutscher Beiträge. Klaus Recht war dagegen vor allem der Mann, der den Verlag führte und die wirtschaftlichen Voraussetzungen schuf.
Diese Arbeitsteilung funktionierte erstaunlich lange.
Feuerstein konnte das Magazin nach seinen Vorstellungen gestalten, während Recht die Rolle des Verlegers übernahm.
Dass das Verhältnis nicht immer spannungsfrei war, gehört ebenfalls zur Geschichte. Beide beschrieben ihre Zusammenarbeit später mit reichlich Selbstironie.
Recht war dabei keineswegs nur eine unsichtbare Figur im Hintergrund. Auch in den Erinnerungen ehemaliger Mitarbeiter taucht er auf – etwa in Gunter Baars’ Erzählung von Besuchen bei Feuerstein in Hamburg und Begegnungen mit Rechts riesigem Bernhardiner.
Der Verleger als MAD-Figur
Besonders reizvoll ist, wie gut Klaus Recht selbst in die Welt seines Magazins passte.
Ein Rückblick auf die Geschichte des deutschen MAD beschreibt ihn als Verleger, der sich von der Redaktion auch einmal als pompöser Kapitalist inszenieren ließ.
Das war eine Art selbstironisches Theater: Der reiche Verleger als ideale Zielscheibe für die eigenen Satiriker.
Und Recht spielte offenbar bereitwillig mit.
So entstand eine Figur, die fast schon aus einem MAD-Comic stammen könnte: der Verleger, der im Hintergrund die Geschäfte macht, während die Redaktion vorne behauptet, sie habe mit Vernunft grundsätzlich nichts zu tun.
Nach Feuerstein: selbst am Chefredakteursschreibtisch
1992 verließ Herbert Feuerstein MAD, um sich stärker seinen Fernsehprojekten zu widmen.
Klaus Recht übernahm daraufhin selbst die Chefredaktion.
Die erste Ausgabe unter seiner redaktionellen Verantwortung war MAD Nr. 277 vom Mai 1992. Bis zur Einstellung des Magazins blieb er als Editor geführt.
In dieser letzten Phase änderte sich auch die Erscheinungsweise. Nach jahrzehntelangem monatlichem Rhythmus erschien MAD zeitweise nur noch alle zwei Monate.
Für die Leser war das ein deutliches Zeichen, dass die große Zeit des Magazins vorüberging.
Von 330.000 auf 30.000
Wie stark sich die wirtschaftliche Lage verändert hatte, machte Recht 1995 in einem Interview mit der TITANIC deutlich.
Er erinnerte sich an eine Spitzenauflage von 330.000 Exemplaren Anfang der 1980er-Jahre. Am Ende wurden nur noch ungefähr 30.000 Hefte verkauft.
Das Interview erschien unter dem Titel:
„MAD macht impotent“
Ein Titel, der natürlich vollkommen seriös erklärt, weshalb man die TITANIC nicht mit einem gewöhnlichen Wirtschaftsmagazin verwechseln sollte.
Hinter den Scherzen stand jedoch eine ernste Entwicklung: Der Zeitschriftenmarkt hatte sich verändert, die Leserschaft war kleiner geworden und das deutsche MAD konnte seine früheren Erfolge nicht mehr erreichen.
Recht brachte das Problem mit einem bemerkenswert selbstkritischen Satz auf den Punkt:
„Wir sind alte Männer geworden, die eine Zeitschrift für junge Leute machen.“
Die letzte Nummer
Im Juli 1995 erschien schließlich MAD Nr. 300.
Sie war die letzte Ausgabe der ersten deutschen MAD-Reihe.
Recht berichtete später, dass er die amerikanischen Lizenzgeber bereits seit Monaten gefragt habe, ob die nächste Nummer die letzte sein solle.
Mit der 300 war die Entscheidung gefallen.
Damit endete eine Ära, die 1967 begonnen hatte und in der das deutsche MAD zu einem der erfolgreichsten internationalen Ableger des amerikanischen Originals geworden war.
Für Sammler ist die Nummer 300 deshalb mehr als nur eine runde Jubiläumsausgabe.
Sie markiert den Abschluss der gesamten klassischen deutschen Reihe.
Ein Ende, aber kein endgültiger Abschied
Drei Jahre später, am 7. Oktober 1998, startete der Dino-Verlag eine neue deutsche MAD-Ausgabe.
Die Ära Klaus Recht war damit vorbei, aber der Name MAD kehrte an die deutschen Kioske zurück.
Rechts Bedeutung bleibt dennoch bestehen.
Er war der Verleger, unter dessen Verantwortung das klassische deutsche MAD seine erfolgreichsten Jahre erlebte. Er begleitete die Entwicklung von der großen Comic- und Satireproduktion der 1970er-Jahre bis zum wirtschaftlich schwierigen Ende der ersten Reihe.
Und er war der Mann, der am Schluss selbst auf dem Chefredakteurssessel saß.
Klaus Recht zeichnete Alfred E. Neuman nicht.
Aber ohne seinen Verlag hätten ihn vermutlich deutlich weniger deutsche Leser kennengelernt.
