Mathias Ulinski – der Mann hinter der deutschen MAD-Redaktion

LEXIKON

Alfred E. Neumann

9/19/20264 min read

Wer ein MAD-Heft aufschlägt, sieht zuerst die Zeichnungen.

Don Martin. Sergio Aragonés. Tom Bunk. Ivica Astalos. Martin Frei.

Doch bevor aus all diesen Beiträgen ein fertiges Heft wird, braucht es jemanden, der Themen plant, Texte koordiniert, Übersetzungen betreut, Seiten zusammenstellt und darauf achtet, dass das ganze Chaos am Ende tatsächlich rechtzeitig in der Druckerei landet.

Beim deutschen MAD war einer dieser Männer über viele Jahre Mathias Ulinski.

Vom Journalismus zu Panini

Seinen eigenen Angaben zufolge kam Ulinski Ende 1999 zum Verlag.

Zuvor hatte er einen kurzen Abstecher in die Welt von Tageszeitung und Fernsehen gemacht. Dann bewarb er sich – und wurde genommen.

So unspektakulär beschrieb er seinen Einstieg später selbst.

Von diesem Zeitpunkt an war er redaktionell vor allem für zwei große Themenwelten zuständig:

MAD und Star Wars.

Später kamen weitere Projekte hinzu, darunter das Fußballmagazin Just Kick-it!, Videogame-Romane und World of Warcraft-Comics.

Verantwortlicher Redakteur

Ulinski bezeichnete seine Position selbst als „Verantwortlicher Redakteur“.

Chefredakteur bei Panini war Jo Löffler, mit dem er über viele Jahre eng zusammenarbeitete.

Die Aufgaben eines Redakteurs sind dabei weit weniger glamourös, als ein fertiges Comicmagazin vermuten lässt.

Themen müssen geplant werden.

Autoren und Zeichner brauchen Aufträge.

Übersetzungen müssen organisiert werden.

Texte werden korrigiert und redigiert.

Grafiken und Seiten müssen zusammenpassen.

Und am Ende interessiert die Druckerei nicht besonders, ob Alfred E. Neuman gerade noch eine bessere Pointe eingefallen ist.

Der Erscheinungstermin bleibt der Erscheinungstermin.

Ulinski beschrieb genau diesen organisatorischen Alltag in seinem ausführlichen Interview mit dem Fantasyguide.

Fast zwei Jahrzehnte MAD

Damit gehörte Mathias Ulinski über einen außergewöhnlich langen Zeitraum zur deutschen MAD-Redaktion.

Die zweite deutsche MAD-Reihe war 1998 beim Dino-Verlag gestartet. Ende 2002 übernahm Panini den Verlag beziehungsweise führte MAD anschließend unter dem eigenen Namen weiter.

Ulinski und Jo Löffler wurden zu den beiden prägenden redaktionellen Namen dieser Ära. Auch späte Ausgaben führen beide weiterhin als Editoren – beispielsweise MAD Nr. 179 vom Juni 2017.

Selbst MAD Nr. 182 aus dem Jahr 2018 nennt beide noch in der Redaktion.

Damit begleitete Ulinski das Magazin praktisch vom Beginn seiner Verlagstätigkeit bis in die Schlussphase der deutschen Ausgabe.

Deutsche Künstler statt bloßer Übersetzungen

Eine wichtige Besonderheit der Dino-/Panini-Ausgabe war, dass sie keineswegs nur amerikanische MAD-Seiten übersetzte.

Immer wieder wurden eigene deutsche Inhalte produziert.

2017 erklärte Ulinski anlässlich des 50-jährigen Jubiläums des deutschen MAD, dass der Anteil dieser Eigenproduktionen je nach Ausgabe unterschiedlich gewesen sei.

Chefredakteur Jo Löffler nannte in diesem Zusammenhang Künstler wie Ralph Ruthe, Martin Frei, Michael Vogt, Matthias Kringe und Sarah Burrini.

Genau diese Mischung war für die spätere deutsche Ausgabe charakteristisch:

amerikanische MAD-Tradition auf der einen Seite,

deutsche Zeichner, Autoren und aktuelle Themen auf der anderen.

Hinter jedem Gag steckt Organisation

Gerade deshalb ist Ulinskis Rolle für die MAD-Geschichte wichtig.

Ein deutscher Beitrag entstand schließlich nicht von allein.

Eine Idee musste zur aktuellen Ausgabe passen.

Ein Autor musste sie entwickeln.

Ein Zeichner musste Zeit haben.

Die fertigen Seiten mussten redaktionell geprüft werden.

Und alles musste mit dem amerikanischen Material zu einem Heft zusammengefügt werden.

Der Leser sollte davon möglichst nichts merken.

Im Idealfall sah das Ergebnis aus, als hätten ein paar Wahnsinnige einfach spontan beschlossen, ein Magazin zu produzieren.

Dass dahinter ein ziemlich normaler Redaktionsbetrieb steckte, war besser verborgen.

MAD und Star Wars – eine ungewöhnlich passende Kombination

Parallel zu MAD entwickelte sich Ulinski zu einem der langjährigen deutschen Star-Wars-Redakteure bei Panini.

Und wenn man darüber nachdenkt, passen die beiden Welten erstaunlich gut zusammen.

Auf der einen Seite:

Darth Vader, Jedi-Ritter und ein galaktisches Imperium.

Auf der anderen:

Alfred E. Neuman, Spion & Spion und Menschen, die freiwillig Don-Martin-Geräusche übersetzen.

Ulinski erklärte selbst, dass ihn an Star Wars besonders die Mischung aus Science Fiction, Märchen und Fantasy sowie die große Vielfalt möglicher Geschichten faszinierte.

Noch 2018 wurde er bei Paninis Star Wars-Publikationen ausdrücklich als verantwortlicher Redakteur geführt.

Auch Übersetzer

Ulinski arbeitete nicht ausschließlich organisatorisch.

Sein Name taucht auch als Übersetzer von MAD-Material auf.

So nennt etwa der 2018 erschienene Band „MADs kleiner Klokamerad Fußball“ neben Stefan Dinter und Armer Naatz auch Mathias Ulinski als Übersetzer.

Auch die große Sammlung „MADs Meisterwerke: Star Wars“ von 2019 führt ihn unter den Übersetzern.

Damit war er nicht nur jemand, der Beiträge verwaltete.

Er arbeitete direkt an der deutschen Fassung der amerikanischen MAD-Texte mit.

Und gerade bei MAD ist Übersetzen eine besondere Disziplin.

Wortspiele lassen sich häufig nicht einfach übertragen.

Prominentenwitze funktionieren in einem anderen Land möglicherweise nicht.

Und aus einem amerikanischen Gag muss gelegentlich erst ein deutscher Gag werden.

Als MAD politischer wurde

2017 trat Ulinski auch öffentlich als Vertreter des Magazins auf, als Panini ein komplettes MAD-Special über Donald Trump veröffentlichte.

Er begründete das Heft damit, dass Trumps politische Handlungen alle beträfen und MAD ein Mittel sei, laut auf Missstände hinzuweisen.

Das Special wurde mit einer Auflage von rund 80.000 Exemplaren angekündigt.

Das zeigt eine andere Seite der Redaktion.

MAD bestand zwar immer aus reichlich Unsinn, Filmparodien und pubertären Gags.

Aber das Magazin verstand sich gleichzeitig als Satire.

Und manchmal bedeutete das eben auch:

Politik statt Furzwitz.

Oder, wenn es sich vermeiden ließ:

beides gleichzeitig.

Das Ende einer Ära

Die wiederbelebte deutsche MAD-Ausgabe erreichte schließlich 185 reguläre Ausgaben.

Die letzte Ausgabe erschien Ende 2018 beziehungsweise als Ausgabe 01/2019.

Danach wurde die deutsche Reihe eingestellt.

Damit endete auch die lange redaktionelle MAD-Ära von Jo Löffler und Mathias Ulinski.

Nahezu zwei Jahrzehnte hatten beide das Magazin begleitet.

Vom Boom der späten 1990er-Jahre über den Wechsel von Dino zu Panini bis zu einer Medienwelt, in der Satire längst nicht mehr nur im Zeitschriftenregal stattfand.

Der Mann, den die Leser kaum sahen

Mathias Ulinski gehört damit zu einer Gruppe von MAD-Mitarbeitern, die für die Geschichte des Magazins enorm wichtig sind, aber nur selten im Mittelpunkt stehen.

Der Zeichner hinterlässt ein Bild.

Der Autor einen Gag.

Der Redakteur hinterlässt vor allem:

ein fertiges Heft.

Fast zwanzig Jahre lang sorgte Mathias Ulinski mit dafür, dass aus amerikanischen MAD-Seiten, deutschen Eigenproduktionen, Übersetzungen, Cartoons, Filmparodien und völligem Unsinn regelmäßig genau das wurde.

Ein neues deutsches MAD.

Und wahrscheinlich ist es das größte Kompliment für einen MAD-Redakteur, wenn am Ende alles so aussieht, als hätte überhaupt niemand die Kontrolle gehabt.