Ivica Astalos – der Zeichner, der dem deutschen MAD sein eigenes Gesicht gab
LEXIKON
Alfred E. Neumann
9/3/20266 min read


Wer über das klassische deutsche MAD spricht, kommt an Ivica Astalos kaum vorbei.
Herbert Feuerstein war der Mann an der Spitze der Redaktion. Aber Astalos war einer jener Künstler, die dafür sorgten, dass aus einer Übersetzung des amerikanischen MAD nach und nach ein eigenständiges deutsches Satiremagazin wurde.
Er zeichnete, schrieb, erfand, parodierte – und versteckte in seinen Bildern so viele kleine Nebengags, dass man manche Seite zweimal lesen musste, um wirklich alles zu entdecken.
Vom heutigen Kroatien nach Marbach
Ivica Astalos wurde 1954 im heutigen Kroatien geboren und wuchs in Marbach am Neckar auf. Deutschland beziehungsweise Baden-Württemberg blieb später auch sein Lebensmittelpunkt.
Schon früh interessierte er sich für Comics und Zeichnen.
Bevor MAD in sein Leben trat, absolvierte Astalos ein Praktikum beim Kauka-Verlag, dem Verlag hinter Fix und Foxi und Bussi Bär. Eigentlich hatte er anschließend sogar überlegt, sich beim Konkurrenzmagazin Kaputt zu bewerben.
Dann dachte er sich offenbar:
Warum zur Konkurrenz gehen, wenn man gleich zu MAD kann?
Und genau das tat er.
1974: Der Einstieg bei MAD
Astalos kam 1974 zum deutschen MAD. Sein erster eindeutig dokumentierter Beitrag war:
„Wenn der Text aus den Comics ganz verschwindet“
MADmag.de bezeichnet diesen Beitrag ausdrücklich als sein Debüt und schreibt, dass Astalos neben Rolf Trautmann anschließend zu einem der wichtigsten Mitarbeiter des deutschen MAD werden sollte.
Zu diesem Zeitpunkt war Herbert Feuerstein bereits Chefredakteur.
Die beiden passten offensichtlich hervorragend zusammen.
Astalos erinnerte sich später an die Zusammenarbeit mit den Worten:
„Wir haben eine ähnliche Sichtweise gehabt, was Mad betrifft.“
Er bezeichnete die Zusammenarbeit sogar als angenehm und beinahe „langweilig“ – vermutlich deshalb, weil beide ziemlich genau wussten, was der andere wollte.
Nicht nur Zeichner – sondern auch Texter
Das ist bei Ivica Astalos besonders wichtig.
Er war nicht einfach ein Künstler, dem die Redaktion fertige Manuskripte zum Illustrieren gab.
Astalos war ein textender Zeichner.
Er entwickelte eigene Ideen, schrieb Beiträge und verband Text und Bild miteinander. Genau diese Kombination machte ihn für Feuerstein so wertvoll.
Gemeinsam trugen beide entscheidend dazu bei, dass das deutsche MAD nicht lediglich amerikanische Seiten übersetzte, sondern zunehmend eigene deutsche Inhalte produzierte.
Und damit konnten plötzlich Themen vorkommen, die im amerikanischen MAD keinerlei Bedeutung gehabt hätten.
Deutsches Fernsehen.
Deutsche Werbung.
Deutsche Politiker.
Deutsche Comicfiguren.
Und natürlich die kleinen Verrücktheiten des deutschen Alltags.
Der Große MAD-Almanach
Eine der bekanntesten gemeinsamen Schöpfungen von Feuerstein und Astalos war der:
„Große MAD-Almanach“
Er erschien auf der zweiten Umschlagseite und sah zunächst beinahe aus wie eine seriöse Sammlung von Wissen.
Natürlich war er das nicht.
Historische Fotos wurden mit absurden Erläuterungen versehen, Lexikoneinträge verdreht, Sprichwörter verfremdet und vermeintliche Fakten vollständig neu erfunden.
Ein schönes überliefertes Beispiel aus dem angeblichen Russisch-Deutschen:
„Balaleika = Fußballverleih“
Genau diese Mischung aus scheinbarer Bildung und vollkommenem Unsinn war klassisches MAD.
Zeichnen lernen – auf MAD-Art
Während seiner frühen MAD-Jahre studierte Astalos Grafikdesign in Stuttgart.
Herbert Feuerstein kommentierte die Entwicklung seines Zeichners später in einem Taschenbuch auf typisch Feuerstein'sche Weise.
Sinngemäß schrieb er, Astalos habe anfangs einen unsicheren Strich, falsche Proportionen und wenig Schwung gehabt. Daraufhin habe er Kunst studiert – und anschließend habe sich daraus sein typischer Stil entwickelt:
immer noch mit unsicherem Strich, falschen Proportionen und wenig Schwung.
Natürlich war genau das der Witz.
Denn diese vermeintlich „falschen“ Proportionen wurden irgendwann zu Astalos' Markenzeichen.
Der Astalos-Stil
Seine Figuren besitzen häufig grotesk verzerrte Körper.
Köpfe sind zu groß.
Flügel zu klein.
Nasen passen nicht zum Gesicht.
Augen verraten Schadenfreude, Gier oder völlige Panik.
Doch gerade die Mimik spielt bei Astalos eine besonders große Rolle.
Seine Figuren müssen oft überhaupt nichts sagen.
Ein Blick reicht.
Dazu kommen seine berühmten Nebengags.
Während im Vordergrund die eigentliche Handlung stattfindet, passiert irgendwo am Rand noch etwas völlig anderes.
Ein Bild an der Wand reagiert plötzlich auf die Szene.
Ein Tier macht Unsinn.
Eine Nebenfigur kommentiert das Geschehen.
Oder irgendwo versteckt sich eine Anspielung, die nur regelmäßige Leser verstehen.
Diese Details machten seine Seiten besonders wiederlesenswert.
Astalos versteckte sich selbst in seinen Zeichnungen
Noch schöner wird es, wenn man weiß, wonach man suchen muss.
Astalos baute immer wieder reale Personen in seine Cartoons ein.
Ein lüsterner Zeitgenosse konnte plötzlich Ähnlichkeit mit Astalos selbst haben.
Eine andere Figur erinnerte auffällig an Herbert Feuerstein.
Und ein besonders geldgieriger Charakter konnte schon einmal Züge des Verlegers tragen.
Damit wurde MAD zu einer Art privatem Spiel zwischen Zeichner, Redaktion und eingeweihten Lesern.
Wer die Personen hinter dem Magazin kannte, entdeckte plötzlich noch eine zusätzliche Ebene des Humors.
Eigene Versionen amerikanischer MAD-Klassiker
Astalos übernahm außerdem mehrere Ideen, die aus dem amerikanischen MAD bekannt waren, entwickelte sie aber auf seine eigene Weise weiter.
Dazu gehörten Elemente, die an Al Jaffees Fold-In, seine berühmten „Snappy Answers to Stupid Questions“ oder an Märchenparodien im Umfeld von Don Martin erinnerten.
Dabei kopierte Astalos die amerikanischen Vorbilder nicht einfach.
Er übersetzte die Grundidee in seinen eigenen Stil und in die deutsche Kultur.
Ein schönes Beispiel ist seine Beschäftigung mit bekannten europäischen Comicfiguren. In einer MAD-Ausgabe griff er unter anderem Figuren aus Fix und Foxi, Gaston und Tim und Struppi für eine eigene Parodie auf.
So entstand etwas, was das amerikanische Original überhaupt nicht liefern konnte:
MAD über die Comicwelt, mit der deutsche Leser tatsächlich aufgewachsen waren.
Die MAD-Taschenbücher
Besonders bemerkenswert ist Astalos' Stellung innerhalb der MAD-Taschenbuchreihe.
Diese Bücher waren normalerweise den großen amerikanischen MAD-Künstlern und Autoren vorbehalten – Namen wie Don Martin, Al Jaffee oder Sergio Aragonés.
Astalos bekam ebenfalls eigene Bücher.
Zu seinen bekanntesten gehören:
„Das MAD-Buch der Technik“
von 1979
und
„Das MAD-Buch der Märchen, wie sie keiner kennt“
von 1982.
Später erschien 1986 nochmals ein MAD-Buch der Technik, diesmal gemeinsam mit Gunter Baars.
Seine Biografie hebt hervor, dass er als Nicht-Amerikaner innerhalb dieser klassischen MAD-Taschenbuchreihe eine außergewöhnliche Stellung besaß. Die Auflagen sollen jeweils rund 80.000 Exemplare betragen haben.
Das zeigt, welchen Stellenwert Astalos beim deutschen MAD erreicht hatte.
Eine besondere Beziehung zu Herbert Feuerstein
In unserer bisherigen Reihe taucht immer wieder auf, wie entscheidend Herbert Feuerstein für das deutsche MAD war.
Bei Ivica Astalos lässt sich diese Geschichte besonders gut beobachten.
Feuerstein hatte einen Künstler gefunden, der nicht nur zeichnen konnte, sondern dieselbe Vorstellung davon besaß, was MAD in Deutschland sein sollte.
Nicht einfach amerikanische Satire mit deutschen Sprechblasen.
Sondern ein Magazin, das deutsche Verhältnisse mit dem gleichen respektlosen Blick betrachtete wie das amerikanische MAD seine eigene Gesellschaft.
Der SWR beschrieb Astalos 2023 deshalb als einen der Künstler, die gemeinsam mit Feuerstein das deutsche MAD ab Mitte der 1970er-Jahre gestalteten und ihm eine ganz eigene Handschrift gaben.
Als MAD immer größer wurde
In dieser Zeit entwickelte sich MAD in Deutschland zu einem enormen Erfolg.
Die deutsche Ausgabe erreichte zeitweise Auflagen von mehreren hunderttausend Exemplaren. Astalos gehörte damit zu einer Generation deutscher Zeichner und Autoren, deren Arbeiten Monat für Monat von einem riesigen Publikum gelesen wurden.
Bemerkenswert ist dabei, dass das deutsche MAD zeitweise sogar stärker verkauft wurde als manche internationale Ausgabe und für viele deutsche Jugendliche zu einem festen Bestandteil ihrer Popkultur wurde. Der SWR erinnerte 2023 daran, wie stark Astalos' eigene Handschrift zu diesem Erfolg beitrug.
Nach MAD
Als die klassische MAD-Ära zu Ende ging, verschwand Astalos keineswegs.
Er arbeitete weiter als freier Cartoonist, Illustrator und Grafiker.
Unter anderem entstanden Arbeiten für Disney-Taschenbücher, Werbung sowie eigene Cartoonprojekte. Später arbeitete er außerdem mit dem Lyriker und Liedermacher DeGie zusammen und illustrierte Nonsensgedichte.
Auch seine eigene MAD-Vergangenheit begann er zunehmend aufzuarbeiten.
40 verrückte Jahre
2017 veröffentlichte Astalos:
„40 verrückte Jahre“
Die beiden Bände beschäftigen sich mit seiner langen Laufbahn als Cartoonist und natürlich ausführlich mit seiner MAD-Zeit.
Es folgten weitere Bücher wie:
„Un-Veröffentlicht!“
„Filmverriss“
„Dumm gefragt ... gelaufen!“
und „Zarenthrongeschichten“.
Und schließlich erschien 2022 ein Buch, dessen Titel kaum besser hätte gewählt werden können:
„... GOING MAD!“
Eine Autobiografie.
Der SWR nahm die Veröffentlichung zum Anlass, Astalos 2023 ausführlich zu interviewen.
„Von sich selbst etwas in den Zeichnungen haben“
In diesem Interview sagte Astalos einen Satz, der viel über seine Arbeit erklärt:
„Jeder Zeichner ist ein guter Zeichner, wenn er von sich was in seinen Zeichnungen hat.“
Genau das trifft seine MAD-Seiten ziemlich gut.
Seine Zeichnungen waren nicht austauschbar.
Man konnte erkennen, dass Astalos dahintersteckte.
Nicht weil alle Figuren gleich aussahen, sondern weil sie dieselbe Haltung hatten:
ein bisschen böse,
ein bisschen albern,
voller kleiner Beobachtungen
und niemals besonders ehrfürchtig.
Einer der wichtigsten deutschen MAD-Künstler
Ivica Astalos war kein deutscher Don Martin.
Kein deutscher Sergio Aragonés.
Und kein deutscher Al Jaffee.
Das wäre auch die falsche Beschreibung.
Er war:
Ivica Astalos.
Und genau deshalb war er für das deutsche MAD so wichtig.
Er nahm die Grundidee des amerikanischen Magazins und machte daraus etwas Eigenes. Zusammen mit Herbert Feuerstein und Künstlern wie Rolf Trautmann, Dieter Stein, Nils Fliegner und später weiteren Mitarbeitern entstand eine Ausgabe, die nicht bloß amerikanischen Humor importierte.
Sie entwickelte ihren eigenen deutschen Wahnsinn.
Und wenn man heute ein altes deutsches MAD-Heft aufschlägt und irgendwo am Rand noch eine völlig unnötige Figur entdeckt, die einen zusätzlichen Gag macht, lohnt sich ein Blick auf die Signatur.
Denn die Wahrscheinlichkeit ist gar nicht so klein, dass dort steht:
I. Astalos.
