William M. Gaines – der Mann hinter MAD

LEXIKON

Alfred E. Neumann

9/30/20263 min read

Wenn es eine Person gibt, ohne die MAD in seiner bekannten Form kaum denkbar wäre, dann ist es William Maxwell Gaines.

Gaines wurde am 1. März 1922 in New York City geboren. Sein Vater, Max Gaines, gehörte zu den Pionieren des amerikanischen Comicgeschäfts und gründete den Verlag Educational Comics. Nach dessen Tod 1947 übernahm William das Unternehmen – obwohl er ursprünglich keineswegs davon träumte, Comicverleger zu werden.

Unter seiner Führung wurde aus Educational Comics bald Entertaining Comics – EC. Gemeinsam mit Künstlern und Autoren wie Al Feldstein veröffentlichte Gaines einige der berühmtesten Horror-, Science-Fiction- und Kriegscomics der 1950er-Jahre, darunter Tales from the Crypt, The Vault of Horror und Weird Science. Die Geschichten waren nicht nur drastisch, sondern beschäftigten sich immer wieder auch mit Themen wie Rassismus, Krieg, Umweltzerstörung und gesellschaftlicher Heuchelei.

1952 entsteht MAD

Der wichtigste Schritt für uns MAD-Fans erfolgte 1952.

Gaines unterstützte den jungen Redakteur Harvey Kurtzman bei der Idee eines Comics, der andere Comics, Filme, Werbung und die amerikanische Gesellschaft parodieren sollte.

Das Ergebnis war MAD Nr. 1.

Anfangs erschien MAD noch als farbiges Comic-Heft für zehn Cent. Bereits nach wenigen Ausgaben entwickelte sich die Reihe zu einem Erfolg. 1955 wurde MAD mit Ausgabe 24 in ein schwarzweißes Magazin umgewandelt – unter anderem ein entscheidender Schritt, weil das Heft damit nicht mehr dem damals eingeführten Comics Code unterlag.

Als Kurtzman 1956 MAD verließ, setzte Gaines Al Feldstein als neuen Chefredakteur ein. Unter Feldstein entwickelte sich MAD in den folgenden Jahrzehnten zu einem kulturellen Phänomen.

Ein ungewöhnlicher Verleger

Gaines war kein typischer Geschäftsmann.

Er kultivierte bewusst eine Atmosphäre, in der Zeichner und Autoren möglichst frei arbeiten konnten. Die berühmten MAD-Mitarbeiter bezeichneten sich selbst als „The Usual Gang of Idiots“ – und Gaines passte hervorragend zu dieser Truppe.

Legendär wurden seine gemeinsamen Reisen mit MAD-Künstlern und -Autoren. Gaines bezahlte regelmäßig Reisen in alle möglichen Teile der Welt und nahm große Teile der Redaktion mit. Aus Mitarbeitern entstand so eine fast familiäre Gemeinschaft.

Auch wirtschaftlich ging MAD häufig eigene Wege. Das Magazin kam lange Zeit praktisch ohne klassische Anzeigen aus. Gaines wollte vermeiden, dass Werbekunden Einfluss darauf nehmen konnten, wen MAD verspottete. Diese Unabhängigkeit wurde zu einem wichtigen Bestandteil der Identität des Magazins.

Der Kampf um die Comics

Bevor MAD zum großen Erfolg wurde, musste Gaines allerdings eine der schwersten Krisen der amerikanischen Comicgeschichte überstehen.

In den frühen 1950er-Jahren wurden Horror- und Kriminalcomics zunehmend dafür verantwortlich gemacht, Jugendliche zu verderben. Gaines verteidigte Comics 1954 sogar vor einem Ausschuss des US-Senats.

Die anschließende Einführung des Comics Code traf EC besonders hart. Viele der erfolgreichen Horror- und Krimiserien konnten praktisch nicht mehr in ihrer bisherigen Form veröffentlicht werden, und Händler weigerten sich teilweise, EC-Hefte zu vertreiben.

Bis 1956 war von Gaines' früherem Comicprogramm schließlich nur noch eine Publikation übrig:

MAD.

Ausgerechnet das ursprünglich als Nebenprojekt gestartete Satireheft rettete den Verlag.

Gaines bleibt MAD treu

Obwohl Gaines EC beziehungsweise MAD später verkaufte, blieb er dem Magazin weiterhin eng verbunden und fungierte bis zu seinem Tod als dessen Verleger. Die Grand Comics Database nennt ihn von der Entstehung MADs bis zu seinem Tod als zentrale Verlagsfigur.

William M. Gaines starb am 3. Juni 1992 in New York im Alter von 70 Jahren.

Schon 1993 wurde er in die Will Eisner Comic Book Hall of Fame aufgenommen.

Mehr als nur der Verleger

Harvey Kurtzman schuf das ursprüngliche MAD.

Al Feldstein machte daraus über Jahrzehnte ein erfolgreiches Magazin.

Zeichner wie Don Martin, Mort Drucker, Sergio Aragonés, Al Jaffee und Dave Berg gaben ihm sein unverwechselbares Aussehen.

Doch William M. Gaines schuf den Raum, in dem all diese Menschen arbeiten konnten.

Er stellte Geld zur Verfügung, verteidigte kreative Freiheit und ließ seine Künstler Dinge ausprobieren, die in vielen anderen Verlagen vermutlich niemals erschienen wären.

Vielleicht war genau das seine größte Leistung.

William M. Gaines zeichnete Alfred E. Neumann nicht und schrieb nur selten die berühmten MAD-Gags – aber ohne ihn hätte Alfred wahrscheinlich niemals die Welt erobert.