Warum heißt Alfred eigentlich Alfred? – Die Geschichte hinter dem berühmtesten Namen von MAD

LEXIKON

Alfred E. Neumann

9/28/20266 min read

Wer MAD sagt, denkt an rote Buchstaben, Filmparodien, Don Martin, Spion & Spion – und natürlich an dieses Gesicht: Sommersprossen, abstehende Ohren, Zahnlücke und ein Grinsen, das selbst dann nicht verschwinden würde, wenn hinter ihm gerade die Welt untergeht.

Alfred E. Neumann.

Für deutsche MAD-Leser gehört dieser Name so selbstverständlich zur Figur, dass man kaum noch darüber nachdenkt. Doch warum heißt Alfred eigentlich Alfred? Woher stammt der vollständige Name? Und hatte der Junge dieses Gesicht schon immer?

Die Antwort ist typisch MAD:

Das Gesicht und der Name hatten ursprünglich überhaupt nichts miteinander zu tun.

Alfred – eigentlich ein ziemlich ehrwürdiger Name

Der Vorname Alfred ist erheblich älter als MAD.

Er geht auf das altenglische Ælfræd zurück und setzt sich aus ælf – „Elf“ beziehungsweise „Naturgeist“ – und ræd – „Rat“ oder „Ratschlag“ – zusammen. Frei übersetzt lässt sich Alfred also ungefähr als „Elfenrat“, „von Elfen Beratener“ oder „weiser Ratgeber“ verstehen.

Berühmt wurde der Name insbesondere durch Alfred den Großen, den König von Wessex im 9. Jahrhundert. Auch in Deutschland war Alfred Ende des 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein durchaus verbreiteter Vorname.

Eigentlich also ein Name mit Würde, Geschichte und Weisheit.

Und MAD setzte ihn auf einen sommersprossigen Jungen mit einer Zahnlücke.

Das passt irgendwie.

Das Gesicht gab es schon lange vor Alfred

Noch merkwürdiger wird die Geschichte, wenn man bedenkt, dass MAD Alfreds Gesicht gar nicht erfunden hat.

Ähnliche Darstellungen des grinsenden Jungen lassen sich bis ins späte 19. Jahrhundert zurückverfolgen. Das Gesicht tauchte auf Werbekarten, Postkarten und in Anzeigen auf – unter anderem im Zusammenhang mit schmerzlosen Zahnbehandlungen.

Immer wieder wurde es mit Varianten eines Spruchs verbunden, der später weltberühmt werden sollte:

„What – Me Worry?“

Als MAD-Gründungsredakteur Harvey Kurtzman Anfang der 1950er-Jahre auf eine entsprechende Postkarte stieß, faszinierte ihn dieses unbekümmerte Gesicht. Er begann, es in MAD einzubauen. Die frühe Figur hatte jedoch noch keinen festen Namen.

Und genau hier beginnt die eigentliche Geschichte des Namens.

Erst hieß Alfred gar nicht Alfred

In frühen MAD-Ausgaben tauchte das Gesicht unter verschiedenen Bezeichnungen auf.

Unter anderem wurde es Melvin Coznowski, Melvin Sturdley, Mel Haney und ähnlich genannt. MAD behandelte die Figur zunächst eher wie einen wiederkehrenden Insiderwitz als wie ein richtiges Maskottchen.

Interessanterweise tauchte auch der Name „Alfred E. Neuman“ bereits in MAD auf, bevor er endgültig mit dem Gesicht verbunden wurde. Er war zunächst einfach einer jener absurden Namen, die Kurtzman und seine Autoren gern verwendeten.

MAD liebte schließlich Namen wie Melvin Cowznofski, Potrzebie und andere absichtlich merkwürdig klingende Begriffe.

Alfred E. Neuman gehörte zunächst in genau diese Kategorie.

Aber woher hatten die MAD-Leute ausgerechnet diesen Namen?

Die Spur führt nach Hollywood

Hier kommt ein echter Alfred ins Spiel:

Alfred Newman.

Newman, geboren 1901, war einer der bedeutendsten Filmkomponisten Hollywoods. Sein Name erschien jahrzehntelang in den Vorspännen großer Filme. Er gehörte zu einer ganzen Musikerfamilie; unter anderem war er der Onkel des später ebenfalls berühmten Komponisten und Sängers Randy Newman.

Und genau dieser Alfred Newman spielte nach Harvey Kurtzmans eigener Erinnerung indirekt eine Rolle bei MAD.

Die Spur führt über den amerikanischen Radio-Komiker Henry Morgan.

Kurtzman erklärte später, Morgan habe in seiner Radiosendung den Namen Alfred Newman für verschiedene belanglose oder austauschbare Figuren verwendet – als eine Art komischen Allerweltsnamen. Der reale Hollywood-Komponist war den Hörern bekannt, weshalb die Verwendung des Namens bereits einen absurden Unterton hatte.

Kurtzman gefiel das.

Also übernahm er die Idee.

Aus Alfred Newman wurde bei MAD schließlich:

Alfred E. Neuman.

Ein zusätzliches „E“, ein leicht veränderter Nachname – und schon klang der Name gleichzeitig wichtig und vollkommen sinnlos.

Sehr MAD.

Harvey Kurtzman benutzte den Namen schon vor dem Maskottchen

Kurtzman beschrieb später selbst, wie er MAD mit allerlei kleinen Nonsens-Elementen anreicherte. Dazu gehörten Fantasiewörter und absurde Namen.

„Alfred E. Neuman“ war einer davon.

Der Name funktionierte für MAD gerade deshalb so gut, weil er wie der vollständige Name irgendeines angesehenen amerikanischen Bürgers klang.

Vorname.

Mittelinitiale.

Nachname.

Fast präsidial.

Und dann schaut man sich den dazugehörigen Jungen an.

Die Diskrepanz könnte kaum größer sein.

Al Feldstein bringt Gesicht und Namen zusammen

Der entscheidende Schritt kam 1956.

Harvey Kurtzman hatte MAD verlassen und Al Feldstein übernahm die Redaktion. Feldstein erkannte, dass das ständig wiederkehrende Grinsegesicht etwas Besonderes hatte.

Andere Magazine besaßen längst unverwechselbare Markenzeichen. Feldstein wollte ebenfalls eine Figur, die MAD sofort erkennbar machte.

Er entschied sich für den „What – Me Worry?“-Jungen.

Und er entschied sich dafür, ihn endgültig mit dem bereits bei MAD herumgeisternden Namen zu verbinden:

Alfred E. Neuman.

Doug Gilfords MAD-Chronik setzt die feste Namensgebung bereits bei MAD Nr. 29 an. Mit MAD Nr. 30 vom Dezember 1956 erfolgte dann jedoch der entscheidende öffentliche Auftritt: Alfred erschien groß auf dem Cover – als Kandidat für das Amt des Präsidenten.

Das war praktisch seine Krönung.

Norman Mingo erschafft „unseren“ Alfred

Für dieses neue Maskottchen benötigte Feldstein allerdings ein endgültiges Erscheinungsbild.

Er suchte einen Porträtmaler und fand Norman Mingo.

Mingo bekam mehrere ältere Darstellungen des grinsenden Jungen vorgelegt. Feldsteins Wunsch war bemerkenswert: Der Junge sollte nicht einfach dumm aussehen. Hinter seinen Augen sollte ein kleiner Funken Intelligenz erkennbar sein – gleichzeitig aber diese vollkommen unbekümmerte Haltung besitzen, als könne die Welt um ihn herum zusammenbrechen und er würde trotzdem weitergrinsen.

Mingo malte Alfred für MAD Nr. 30.

Damit waren plötzlich alle Bestandteile vorhanden:

das uralte Grinsegesicht,

der Spruch „What – Me Worry?“,

Norman Mingos endgültige Darstellung

und der Name:

Alfred E. Neuman.

Von diesem Zeitpunkt an waren Gesicht und Name praktisch untrennbar.

Und wofür steht eigentlich das „E“?

Eine Frage stellen MAD-Fans seit Jahrzehnten:

Was bedeutet das E. in Alfred E. Neuman?

Genau darauf sollte man keine allzu ernsthafte Antwort erwarten.

Das Mittelinitial gehört vor allem zum Witz des Namens. Es verleiht Alfred eine absurde Förmlichkeit. Er klingt damit wie ein Politiker, Professor oder anderer wichtiger Mensch – obwohl vor uns ein Junge mit Zahnlücke steht, dessen Lebensmotto lautet, sich grundsätzlich um nichts Sorgen zu machen.

Im Laufe der MAD-Geschichte wurden natürlich immer wieder scherzhafte Erklärungen für dieses „E“ verwendet. Eine dauerhaft verbindliche bürgerliche Bedeutung, die den Charakter definieren würde, gibt es jedoch nicht.

Und vermutlich ist das auch besser so.

Ein vollständig erklärter Alfred wäre schließlich kein richtiger Alfred mehr.

Neuman oder Neumann?

Für deutsche MAD-Fans gibt es noch eine kleine, aber interessante Besonderheit.

Im amerikanischen Original lautet der Name:

Alfred E. Neuman

also mit einem n am Ende.

Im deutschen MAD wurde daraus dagegen:

Alfred E. Neumann

mit zwei n.

Genau diese deutsche Schreibweise findet sich über Jahrzehnte in den deutschen Heften und auch in den zahlreichen deutschen Wortspielen mit seinem Namen. Madorama dokumentiert beispielsweise Figuren wie Tut-Ench-Neumann, Toulouse Neumann, Dschingis Neumann, „Mona Neumann“ oder Alfred E. Neumann als Bundeskanzler.

Damit wurde Alfred in Deutschland gewissermaßen ein wenig eingedeutscht.

Deshalb verwenden wir auch hier im deutschen MAD-Blog konsequent:

Alfred E. Neumann.

Wenn wir ausdrücklich über die amerikanische Originalfigur oder historische US-Quellen sprechen, kann dagegen die originale Schreibweise Neuman auftauchen.

Ein Name wird zu einer Marke

Was danach geschah, hätte 1956 vermutlich niemand erwartet.

Alfred wurde zum Gesicht von MAD.

Er erschien als Präsident, König, Astronaut, Soldat, Filmstar, Monster, Baby, Politiker und praktisch jede andere denkbare Figur. Künstler wie Norman Mingo, Kelly Freas und viele weitere verwandelten ihn immer wieder neu.

Trotzdem blieb er immer sofort erkennbar.

Seine Popularität ging irgendwann weit über die Leserschaft des Magazins hinaus. Das Gesicht wurde in politischen Karikaturen verwendet, mit Präsidenten verglichen und zu einem kulturellen Symbol für eine bestimmte Haltung:

Die Welt dreht durch – und Alfred grinst.

Al Feldstein hatte damit genau das erreicht, was er wollte. Alfred wurde für MAD das, was ein Firmenlogo für eine große Marke ist. Selbst Menschen, die nie eine Ausgabe gelesen hatten, erkannten irgendwann dieses Gesicht.

Der Name könnte kaum besser passen

Und damit bekommt der ursprüngliche Vorname Alfred rückblickend eine beinahe unfreiwillige Komik.

Wir erinnern uns:

Alfred bedeutet sinngemäß „weiser Ratgeber“.

Ausgerechnet.

Denn Alfred E. Neumann gibt seit Jahrzehnten eigentlich nur einen einzigen Rat:

„What – Me Worry?“

Vielleicht steckt darin aber mehr Weisheit, als es zunächst scheint.

Denn hinter Alfreds vermeintlicher Dummheit stand immer die Haltung von MAD: Autoritäten nicht automatisch ernst nehmen, Werbung hinterfragen, Politiker verspotten, Hollywood entzaubern und sich auch von gesellschaftlicher Wichtigkeit nicht beeindrucken lassen.

Der Idiot auf dem Cover war deshalb manchmal weniger naiv als die Menschen, über die sich das Magazin lustig machte.

Vom Hollywood-Komponisten zum berühmtesten Alfred der Comicwelt

Die Namensgeschichte lässt sich damit auf eine herrlich verschlungene Weise zusammenfassen:

Ein berühmter Hollywood-Komponist hieß Alfred Newman.

Der Radiokomiker Henry Morgan machte aus diesem Namen einen Running Gag.

Harvey Kurtzman übernahm den Namen als MAD-Nonsens.

Ein altes grinsendes Werbegesicht wanderte gleichzeitig durch die Seiten des Magazins.

Al Feldstein verband schließlich beides.

Norman Mingo gab dem Jungen sein endgültiges Gesicht.

Und daraus entstand 1956:

Alfred E. Neuman.

In Deutschland wurde daraus Alfred E. Neumann.

Ein Name, der ursprünglich gar nicht für dieses Gesicht erfunden worden war, wurde schließlich so eng damit verbunden, dass man heute kaum noch das eine ohne das andere denken kann.

Und vielleicht ist genau das die schönste Pointe dieser Geschichte:

MAD hat Alfred nicht erfunden. MAD hat nicht einmal seinen Namen wirklich erfunden. Aber MAD brachte beides zusammen – und machte daraus eine Ikone.