Alfred Newman – der Hollywood-Komponist hinter dem Namen Alfred E. Neuman

LEXIKON

Alfred E. Neumann

8/5/20265 min read

Wer den Namen Alfred Newman hört und sich mit MAD beschäftigt, dürfte zunächst an einen Schreibfehler denken.

Fehlt da nicht ein „E.“? Und müsste es nicht Neuman heißen?

Nein.

Denn Alfred Newman gab es tatsächlich. Er war weder Zeichner noch Autor des MAD Magazins. Er war einer der bedeutendsten Filmkomponisten des klassischen Hollywoods, gewann neun Oscars und schrieb eine Melodie, die wahrscheinlich fast jeder schon einmal gehört hat.

Und dennoch besitzt dieser Mann eine überraschende Verbindung zu MAD:

Sein Name gehört sehr wahrscheinlich zur Entstehungsgeschichte von Alfred E. Neuman.

Die Geschichte führt von den großen Hollywood-Studios über eine amerikanische Radiosendung direkt in die Redaktion von MAD.

Wer war Alfred Newman?

Alfred Newman wurde am 17. März 1900 in New Haven, Connecticut, geboren. Schon als Kind zeigte sich sein außergewöhnliches musikalisches Talent. Aus dem jungen Klaviervirtuosen wurde zunächst ein erfolgreicher Musiker und Dirigent am Broadway und schließlich einer der einflussreichsten Komponisten der amerikanischen Filmgeschichte.

1930 kam Newman nach Hollywood.

Dort begann eine Karriere, die mehr als vier Jahrzehnte dauern sollte. Er komponierte oder betreute die Musik zu Hunderten Filmen und war rund zwei Jahrzehnte lang musikalischer Leiter bei 20th Century-Fox. Die Society of Composers & Lyricists führt mehr als 250 Filme an, an denen Newman als Komponist beteiligt war.

Doch selbst Menschen, die seinen Namen noch nie gehört haben, kennen vermutlich eines seiner Werke.

Diese Musik kennt fast jeder

1933 komponierte Alfred Newman die berühmte:

20th Century Fox Fanfare

Jene triumphalen Blechbläserklänge, die zusammen mit dem monumentalen 20th-Century-Fox-Logo den Beginn unzähliger Filme ankündigten.

Die Fanfare wurde zu einer der bekanntesten musikalischen Signaturen Hollywoods und wird in überarbeiteter Form bis heute verwendet.

Ein paar Sekunden Musik genügten also, um Alfred Newman ein Stück Unsterblichkeit zu verschaffen.

Aber dabei blieb es nicht.

Neun Oscars für Alfred Newman

Newmans Karriere liest sich wie ein Stück Hollywoodgeschichte.

Zu seinen bekanntesten Arbeiten gehören Filmmusiken zu Werken wie:

  • Wuthering Heights

  • The Hunchback of Notre Dame

  • How Green Was My Valley

  • The Song of Bernadette

  • All About Eve

  • Love Is a Many-Splendored Thing

  • The Diary of Anne Frank

  • How the West Was Won

  • The Greatest Story Ever Told

  • Airport

Newman erhielt 45 Oscar-Nominierungen und gewann neun Academy Awards. Damit gehörte er zu den erfolgreichsten Personen in der Geschichte der Oscars und war über Jahrzehnte der meistnominierte Filmkomponist Hollywoods.

Seinen letzten Oscar gewann er für die musikalische Bearbeitung von Camelot.

Seine letzte Filmmusik entstand für den Katastrophenfilm Airport von 1970. Für dessen „Airport Love Theme“ erhielt Newman posthum sogar noch einen Grammy.

Aber was hat Alfred Newman mit MAD zu tun?

Und genau hier wird es für uns MAD-Fans interessant.

Die Verbindung führt zu:

Alfred E. Neuman

MADs berühmtem grinsenden Maskottchen mit den Sommersprossen, Segelohren und der Zahnlücke.

Dabei müssen wir zunächst zwei vollkommen unterschiedliche Dinge auseinanderhalten:

Das Gesicht von Alfred E. Neuman stammt nicht von Alfred Newman.

Das berühmte „What, Me Worry?“-Gesicht existierte bereits Jahrzehnte vor MAD. Varianten des grinsenden Jungen lassen sich in amerikanischer Werbung, auf Postkarten und anderen Druckerzeugnissen bis weit vor die Entstehung des Magazins zurückverfolgen. Harvey Kurtzman entdeckte Anfang der 1950er-Jahre eine solche Darstellung auf einer Postkarte und begann, das Gesicht in MAD einzusetzen.

Der Name ist eine andere Geschichte.

Und dort kommt Alfred Newman ins Spiel.

Von Alfred Newman zu Alfred E. Neuman

Harvey Kurtzman schilderte später selbst, wie der Name in das MAD-Universum gelangt sein soll.

Demnach hatte die MAD-Redaktion die Radiosendungen des amerikanischen Komikers Henry Morgan verfolgt. Morgan verwendete den Namen Alfred Newman für unbedeutende beziehungsweise bewusst belanglose Figuren in seiner Sendung.

Und dieser Name wiederum bezog sich auf den berühmten Hollywood-Komponisten Alfred Newman.

Kurtzman übernahm den Namen als Running Gag.

In seiner später veröffentlichten Erinnerung erklärte er sinngemäß, dass „Alfred E.“ aus Hollywood über Henry Morgans Radiosendung zu MAD gekommen sei. Der echte Alfred Newman sei der Filmkomponist gewesen, dessen Name ständig in Filmcredits auftauchte.

Das bedeutet:

Alfred Newman → Henry-Morgan-Radioshow → MAD → Alfred E. Neuman

Aus dem Namen eines der erfolgreichsten Filmkomponisten Hollywoods wurde schließlich der Name des berühmtesten Idioten der amerikanischen Satiregeschichte.

Das hätte MAD vermutlich gefallen.

Gesicht und Name waren ursprünglich getrennt

Besonders interessant ist, dass das bekannte Gesicht und der Name zunächst überhaupt nichts miteinander zu tun hatten.

Harvey Kurtzman verwendete verschiedene absurde Namen und Begriffe als Running Gags in MAD. Auch Alfred E. Neuman tauchte zunächst unabhängig vom grinsenden Jungen auf.

Das Gesicht wiederum wurde unter wechselnden Bezeichnungen geführt – unter anderem als der „What, Me Worry?“ Kid oder mit anderen MAD-typischen Fantasienamen.

Erst nach und nach wurden Gesicht und Name miteinander verbunden.

Kurtzman erinnerte sich später sogar daran, dass Leser dazu beitrugen, den Namen Alfred Neuman dauerhaft mit dem Gesicht zu verknüpfen.

Damit entstand Alfred E. Neuman weniger durch einen einzigen genialen Moment als durch eine Reihe von Zufällen, Running Gags und Leserreaktionen.

Eigentlich ebenfalls sehr MAD.

Al Feldstein macht Alfred zum Maskottchen

Der entscheidende Schritt erfolgte nach Harvey Kurtzmans Abschied von MAD.

Sein Nachfolger Al Feldstein erkannte, dass das sonderbare Gesicht beim Publikum hervorragend funktionierte. MAD brauchte außerdem eine wiedererkennbare Identifikationsfigur – vergleichbar mit anderen bekannten Magazinmaskottchen.

Feldstein beauftragte deshalb den erfahrenen Illustrator Norman Mingo, ein endgültiges farbiges Porträt des Jungen anzufertigen.

Das Ergebnis erschien auf dem Cover von:

MAD Nr. 30 – Dezember 1956

Alfred E. Neuman wurde dort als Kandidat für die amerikanische Präsidentschaft präsentiert. Dieses Mingo-Porträt definierte sein Erscheinungsbild für die kommenden Jahrzehnte.

Von diesem Moment an war Alfred nicht mehr nur irgendein Running Gag.

Er war das Gesicht von MAD.

Wer erfand nun eigentlich den Namen?

Wie bei vielen Geschichten aus den frühen MAD-Jahren gibt es unterschiedliche Erinnerungen der Beteiligten.

Harvey Kurtzman erklärte die Verbindung über Henry Morgans Radiosendung und den Filmkomponisten Alfred Newman.

Al Feldstein erinnerte sich dagegen später daran, dass der Name Alfred E. Neuman bereits innerhalb der EC-/MAD-Redaktion verwendet worden sei. Feldstein selbst hatte „Alfred E. Neuman“ beispielsweise als Pseudonym für Geschichten benutzt und sagte, er habe diesen bereits vorhandenen Namen schließlich dem neuen MAD-Maskottchen gegeben.

Beides muss sich nicht zwangsläufig widersprechen.

Der Name kann zunächst über Kurtzman und die Henry-Morgan-Sendung in den EC-Kosmos gelangt sein und später von Feldstein endgültig dem Maskottchen zugeordnet worden sein.

Die genaue Entstehung lässt sich heute nicht mehr in jedem Detail zweifelsfrei rekonstruieren.

Die Verbindung zum Hollywood-Komponisten Alfred Newman ist jedoch ein faszinierender Bestandteil der überlieferten MAD-Geschichte.

Und wofür steht eigentlich das „E.“?

Natürlich stellt sich sofort die nächste Frage:

Alfred E. Neuman – was bedeutet das E.?

Darauf gibt es bis heute keine wirklich verbindliche Antwort.

Gerade das passt wiederum perfekt zur Figur.

Das Initial verleiht dem Namen einen beinahe seriösen Klang. „Alfred Neuman“ könnte irgendjemand sein.

„Alfred E. Neuman“ klingt dagegen fast nach einer wichtigen Persönlichkeit.

Dabei blickt uns ein rothaariger Junge mit Zahnlücke entgegen und fragt:

„What, Me Worry?“

MAD hätte sich kaum einen besseren Kontrast ausdenken können.

Newman, Neuman oder Neumann?

Für deutsche MAD-Sammler kommt noch eine kleine sprachliche Besonderheit hinzu.

Der echte Filmkomponist heißt:

Alfred Newman

mit „Newman“.

Das amerikanische MAD-Maskottchen heißt:

Alfred E. Neuman

mit „Neuman“.

In der deutschen MAD-Ausgabe wurde daraus häufig:

Alfred E. Neumann

mit zwei „n“ am Ende.

Wer nach historischen Dokumenten oder amerikanischen Sammlerstücken sucht, sollte diese unterschiedlichen Schreibweisen kennen.

Eine ganze Dynastie von Filmkomponisten

Alfred Newman hinterließ nicht nur seine eigene beeindruckende Karriere.

Er wurde zum Mittelpunkt einer regelrechten Hollywood-Musikdynastie.

Seine Brüder Lionel Newman und Emil Newman arbeiteten ebenfalls als Filmkomponisten und Dirigenten.

Seine Söhne Thomas Newman und David Newman wurden ebenfalls erfolgreiche Filmkomponisten. Seine Tochter Maria Newman ist Komponistin und Musikerin.

Und auch Randy Newman, bekannt sowohl als Singer-Songwriter als auch für zahlreiche Filmmusiken, gehört zur Familie: Er ist Alfred Newmans Neffe.

Allein diese Familie hat die Filmmusik Hollywoods über mehrere Generationen geprägt.

Die große Ironie der MAD-Geschichte

Gerade deshalb ist die Namensverbindung so herrlich absurd.

Stellen wir die beiden einmal gegenüber:

Alfred Newman

Einer der angesehensten Komponisten Hollywoods.

Neun Oscars.

Musikdirektor bei 20th Century-Fox.

Komponist der berühmten Fox-Fanfare.

Hunderte Filmproduktionen.

Und auf der anderen Seite:

Alfred E. Neuman

Segelohren.

Sommersprossen.

Eine Zahnlücke.

Und:

„What, Me Worry?“

Es gehört zu den wunderbaren Eigenheiten von MAD, dass ausgerechnet der Name eines hochdekorierten Hollywood-Komponisten als Inspiration für eine Figur gedient haben soll, die zur Verkörperung unbekümmerter Idiotie wurde.