Der „Alfred des Monats“ – MADs Anti-Preis für besondere Leistungen im Unsinn

LEXIKON

Alfred E. Neumann

9/29/20266 min read

Preise gibt es für fast alles.

Für hervorragende Filme, große Literatur, sportliche Höchstleistungen, wissenschaftliche Entdeckungen und besondere Verdienste um die Gesellschaft.

Das deutsche MAD fand Mitte der 1970er-Jahre, dass noch eine wichtige Kategorie fehlte:

besondere Leistungen im Unsinn.

Also erfand die Redaktion einen Preis, den vermutlich niemand freiwillig in seinen Lebenslauf schreiben wollte:

den „Alfred des Monats“.

Benannt nach Alfred E. Neumann, dem grinsenden Schutzpatron unbekümmerter Fehlentscheidungen, wurde die Auszeichnung über viele Jahre an Prominente, Politiker, Unternehmen, Institutionen und gelegentlich sogar an die eigenen Leser vergeben.

Es war kein Preis im üblichen Sinn.

Es war ein Anti-Preis.

Und er wurde zu einer der typischsten Eigenkreationen des deutschen MAD.

Eine deutsche MAD-Erfindung

Der „Alfred des Monats“ gehörte nicht zum amerikanischen Originalmagazin. Er entstand in der deutschen Redaktion während der Ära von Herbert Feuerstein, der MAD von Anfang der 1970er-Jahre bis 1992 entscheidend prägte.

Feuerstein beschränkte sich bekanntlich nicht darauf, amerikanische Beiträge zu übersetzen. Unter seiner Leitung entwickelte das deutsche MAD eigene Rubriken, Leserbriefseiten, Wortspiele und satirische Elemente, die es im amerikanischen Heft in dieser Form nicht gab. Zu diesen Eigenproduktionen gehörte auch der Anti-Preis.

Beim genauen Startdatum findet man allerdings widersprüchliche Angaben. In einigen Zusammenfassungen ist von 1972 die Rede. Die erhaltenen Inhaltsverzeichnisse der einzelnen MAD-Ausgaben sprechen jedoch eine deutlichere Sprache: MAD Nr. 72 vom April 1975 enthält auf Seite 3 erstmals den „Alfred des Monats“, und auch die umfangreiche Sammlerdokumentation nennt diese Ausgabe als Beginn der Reihe.

Der erste Alfred geht an Dieter Thomas Heck

Der allererste Preisträger war ausgerechnet einer der bekanntesten deutschen Fernsehmoderatoren jener Zeit:

Dieter Thomas Heck.

In MAD Nr. 72, die auf dem Titel Telly Savalas als Kojak zeigte, tauchte Heck auf der Leserbriefseite als erster „Alfred des Monats“ auf.

Damit war das Prinzip etabliert.

MAD griff eine aktuelle Aussage, Entscheidung oder öffentliche Aktion auf, die der Redaktion geeignet erschien, satirisch kommentiert zu werden, und verlieh dem Verantwortlichen dafür Alfreds zweifelhafte Ehrenauszeichnung.

Schon in den nächsten Monaten folgten bekannte Namen:

Hans Apel, Erik Ode, VW-Chef Toni Schmücker, Herbert von Karajan, Henri Nannen, Franz Beckenbauer und Eduard Zimmermann gehörten zu den frühen Ausgezeichneten.

Dass dabei Politik, Fernsehen, Sport, Wirtschaft und Kultur wild durcheinandergerieten, war durchaus programmatisch.

Vor Alfred waren schließlich alle gleich.

Warum ausgerechnet Alfred?

Eigentlich hätte sich keine Figur besser als Namensgeber geeignet.

Alfred E. Neumann verkörperte schließlich seit Jahrzehnten genau jene Haltung, die man einem Preisträger des „Alfred des Monats“ augenzwinkernd unterstellen konnte:

„What – Me Worry?“

Alfred lächelt, obwohl rings um ihn herum alles schiefgeht. Er lässt sich von Katastrophen, Peinlichkeiten und offensichtlichen Fehlentscheidungen nicht aus der Ruhe bringen.

Die Auszeichnung funktionierte deshalb bereits durch den Namen.

Ein Nobelpreis sollte den Ausgezeichneten erhöhen.

Ein Oscar sollte Anerkennung ausdrücken.

Ein Alfred bedeutete dagegen ungefähr:

Wir haben gesehen, was du gemacht hast – und Alfred hätte es wahrscheinlich genauso gemacht.

Politiker neben Schlagersängern

Ein Blick auf die Liste der Preisträger ist heute zugleich ein kleiner Streifzug durch die bundesdeutsche Zeitgeschichte.

Zu den Geehrten gehörten unter anderem Helmut Kohl, Helmut Schmidt, Karl Carstens und Hans Filbinger, aber ebenso Peter Alexander, Udo Jürgens, Heino, Harald Juhnke, Hildegard Knef, Nina Hagen und Roberto Blanco. Auch Unternehmen und Institutionen konnten einen Alfred bekommen: MAD zeichnete beispielsweise die Coca-Cola Company, das ZDF, das Statistische Bundesamt, die Pharmaindustrie und sogar den Militärischen Abschirmdienst – passenderweise ebenfalls MAD abgekürzt – aus.

Bei diesen historischen Vergaben handelt es sich natürlich um satirische Urteile der damaligen MAD-Redaktion, nicht um objektive Bewertungen der betreffenden Personen oder Institutionen.

Gerade die Mischung machte den Reiz aus.

MAD interessierte nicht, ob jemand Bundeskanzler, Fernsehstar oder Vorstandsvorsitzender war.

Wer genügend Stoff für einen Gag lieferte, konnte Alfred bekommen.

Nummer 100: Der „Alfred des Jahrhunderts“

Bei MAD Nr. 100 erlaubte sich die Redaktion einen besonders schönen Schlenker.

Statt eines gewöhnlichen „Alfred des Monats“ gab es den:

„Alfred des Jahrhunderts“.

Und wer erhielt ihn?

Die Leser von MAD selbst.

Das ist vielleicht die perfekteste Umsetzung des MAD-Prinzips überhaupt.

Ein Satiremagazin, das jeden verspottet, musste irgendwann schließlich auch seine eigene Leserschaft treffen.

MAD stellte seine Fans nie auf ein Podest. Wer das Heft kaufte, gehörte automatisch mit zur Zielscheibe.

Sogar William M. Gaines bekam einen

Noch besser:

Auch der eigene Chef blieb nicht verschont.

In MAD Nr. 138 ging der „Alfred des Monats“ an William M. Gaines, den amerikanischen MAD-Verleger und eine der wichtigsten Personen in der gesamten Geschichte des Magazins.

Damit demonstrierte die deutsche Redaktion etwas, das für MAD immer wesentlich war:

Niemand sollte zu wichtig sein, um verspottet zu werden.

Nicht Politiker.

Nicht Stars.

Nicht die Leser.

Und nicht einmal der eigene Verleger.

Der „güldene Alfred“

Der Anti-Preis existierte nicht ausschließlich auf dem Papier.

Es gab tatsächlich eine goldfarbene Büste von Alfred E. Neumann, die heute unter Sammlern als „Goldener Alfred“ oder „güldener Alfred“ bekannt ist.

MADtrash beschreibt sie ausdrücklich als deutschen Preis für jemanden, der etwas besonders „STUPID“ getan habe. Die Büste zeigt Alfreds Kopf beziehungsweise Oberkörper als goldfarbenes Kunststoffobjekt.

Allerdings bedeutete die Veröffentlichung eines „Alfred des Monats“ im Magazin keineswegs automatisch, dass der Betroffene eine solche Büste zugeschickt bekam.

Nach Angaben ehemaliger MAD-Mitarbeiter, die von MADmag.de zusammengetragen wurden, sollen ungefähr 30 Büsten produziert worden sein, von denen möglicherweise nur etwa zehn tatsächlich an Prominente gingen. Herbert Feuerstein soll erklärt haben, die Herstellung sei schlicht zu teuer gewesen und die Büste zu schön, um sie jedes Mal zu verschenken. Viele Auszeichnungen blieben deshalb symbolisch.

Die exakten Stückzahlen sind nicht unabhängig dokumentiert, weshalb man sie besser als überlieferte Angaben und nicht als gesicherte Produktionszahlen behandelt.

Manchmal wurde der Alfred wirklich überreicht

Dass der Anti-Preis aber keineswegs nur eine gedruckte Fantasie war, zeigt eine bemerkenswerte Episode aus dem Jahr 1983.

Die Wochenzeitung Die Zeit berichtete damals, Herbert Feuerstein habe in Alfred Bioleks Fernsehsendung „Kölner Treff“ einen „Alfred des Monats“ mitgebracht. Die Auszeichnung war für einen WDR-Verantwortlichen bestimmt und wurde von Feuerstein in der Sendung übergeben beziehungsweise Biolek zur Weitergabe anvertraut.

Damit verließ der MAD-Gag die Magazinseite und erreichte die reale Medienwelt.

Man kann sich kaum eine passendere Werbung für ein Satiremagazin vorstellen.

Vom monatlichen Ritual zur Leserwahl

In den ersten Jahren erschien der „Alfred des Monats“ sehr regelmäßig.

Ab MAD Nr. 72 lassen sich die Preisträger Ausgabe für Ausgabe verfolgen. Später wurde die Rubrik unregelmäßiger. Die vollständige Sammlerdokumentation reicht bis MAD Nr. 219 von 1987.

Gegen Ende änderte sich das Konzept noch einmal.

In den Ausgaben 217, 218 und 219 waren es ausdrücklich die Leser, die ihre Kandidaten für den „Alfred des Monats“ benannten. Dabei tauchten unter anderem Ronald Reagan, Modern Talking, Helmut Kohl, ARD und ZDF sowie die Bild-Zeitung auf.

Aus dem redaktionellen Anti-Preis wurde damit zeitweise eine Art Leserabstimmung.

Einer der späteren Zeichner: Michael Holtschulte?

Auch zeichnerisch ist die Rubrik interessant.

Die Darstellungen des Preisträgers wurden über die Jahre von verschiedenen Künstlern umgesetzt. Besonders aufschlussreich ist ein Interview mit dem Zeichner Michael Holtschulte, der bereits als Jugendlicher für MAD arbeitete. Er erinnert sich daran, zunächst Soundwörter bei Don Martin zu lettern und Sergio-Aragonés-Randzeichnungen zu bearbeiten – und später auch den „Alfred des Monats“ zeichnen zu dürfen.

Die Rubrik war damit nicht einfach ein kurzer Textkasten, sondern gehörte zur eigenständigen grafischen Produktion des deutschen MAD.

Das Comeback als Gedenkteller

Mit dem Ende der ersten deutschen MAD-Serie 1995 verschwand auch der klassische „Goldene Alfred“.

Doch als MAD 1998 beim Dino Verlag neu gestartet wurde, griff die Redaktion die Idee wieder auf.

Diesmal gab es keinen goldenen Alfredkopf, sondern den Alfred-E.-Neumann-Gedenkteller.

Auch er war ein satirischer Anti-Preis.

Zwischen den Ausgaben 5 und 55 wurden unter anderem Monica Lewinsky, Ingolf Lück, Marcel Reich-Ranicki, Bela B, Britney Spears, Boris Becker, Hella von Sinnen, Anke Engelke, Moritz Bleibtreu, Günter Jauch und Gerhard Schröder mit einem solchen Gedenkteller bedacht. Laut MADmag.de wurden diese Teller im Gegensatz zum klassischen Alfred tatsächlich an die jeweiligen Preisträger verschickt.

Damit lebte die Idee Jahrzehnte nach ihrer Entstehung weiter.

Heute ein extrem seltenes Sammlerstück

Für MAD-Sammler ist die physische Alfred-Büste inzwischen beinahe interessanter als die ursprüngliche Rubrik.

Ein Exemplar aus der persönlichen Sammlung von William M. Gaines erzielte bei einer Auktion der „Annie Gaines Vault“ 1.150 US-Dollar.

Das ist schon eine schöne Ironie:

Eine Auszeichnung, die ursprünglich dafür gedacht war, jemanden wegen einer aus Sicht von MAD besonders fragwürdigen Aktion zu verspotten, ist heute selbst ein begehrtes und wertvolles Sammlerobjekt.

Wer einen Alfred bekam, wollte ihn vielleicht nicht unbedingt haben.

Heute würden sich MAD-Sammler darum reißen.

Ein Anti-Preis, wie ihn nur MAD erfinden konnte

Der „Alfred des Monats“ erzählt auch viel darüber, warum das deutsche MAD unter Herbert Feuerstein mehr war als lediglich eine übersetzte Version des amerikanischen Magazins.

Die Rubrik reagierte unmittelbar auf das öffentliche Leben in Deutschland.

Fernsehmoderatoren, Politiker, Sportler, Schlagersänger, Manager und Behörden konnten innerhalb weniger Wochen im Heft landen. Damit wurde MAD aktueller und deutscher – und Alfred E. Neumann bekam eine zusätzliche Aufgabe.

Er war nicht länger nur das Maskottchen auf dem Cover.

Er wurde zum Maßstab für öffentlichen Unsinn.

Und vielleicht war genau das die größte Gemeinheit des Preises:

Ein Oscar sagt einem Preisträger, er gehöre zu den Besten.

Der „Alfred des Monats“ sagte etwas ganz anderes:

Herzlichen Glückwunsch. Alfred wäre stolz auf dich.