Mike Lynch – vom MAD-Fan zum Mitglied der „Usual Gang of Idiots“
LEXIKON
Alfred E. Neumann
9/24/20265 min read


Manche Künstler kommen zu MAD, weil sie dort einen Auftrag bekommen. Andere wachsen mit dem Magazin auf, bewundern seine Zeichner jahrelang – und landen irgendwann selbst zwischen seinen Seiten.
Mike Lynch gehört eindeutig zur zweiten Gruppe.
Der amerikanische Cartoonist machte sich vor allem mit klassischen Ein-Bild-Cartoons einen Namen. Seine Arbeiten erschienen in zahlreichen großen Zeitschriften und Zeitungen. Doch für Lynch selbst hatte eine Veröffentlichung eine ganz besondere Bedeutung: MAD.
Zeichnen als Konstante seines Lebens
Mike Lynch wurde am 18. Januar 1962 in Iowa City im US-Bundesstaat Iowa geboren. Seine Familie zog während seiner Kindheit mehrfach innerhalb des Mittleren Westens um.
Dass das Zeichnen früh eine große Rolle spielte, beschreibt Lynch mit einer schönen Anekdote: Als Kind zeichnete er zunächst auf die Wände. Statt den Kampf dagegen endlos fortzuführen, befestigte seine Mutter irgendwann Papier an der Wand – und lud sogar andere Kinder zu gemeinsamen Zeichenaktionen ein.
Später wurde Lynch Kunstredakteur seiner Schülerzeitung und zeichnete während des Studiums einen Comicstrip für die Hochschulzeitung. Trotzdem führte sein Weg zunächst nicht unmittelbar in eine professionelle Cartoonistenkarriere.
Erst ein „richtiger“ Beruf – dann die Cartoons
Nach dem College zog Lynch nach New York.
Dort arbeitete er zunächst rund sieben Jahre in der Verwaltung eines Musikkonservatoriums. Anschließend war er etwa fünf Jahre als Computergrafiker beziehungsweise Grafikdesigner tätig und arbeitete dabei unter anderem für Unternehmen wie Goldman Sachs und Deloitte & Touche.
Nebenher zeichnete er weiter.
Irgendwann wurde daraus die entscheidende Erkenntnis: Das Cartoonzeichnen war nicht nur ein Hobby, sondern die Tätigkeit, zu der er immer wieder zurückkehrte. Lynch gab seine anderen Berufe auf und wurde hauptberuflicher Cartoonist.
Ein Gag muss in wenigen Sekunden funktionieren
Lynchs Spezialgebiet ist der klassische Single-Panel-Cartoon: ein Bild, eine Situation und meistens nur wenige Worte – manchmal überhaupt keine.
Das klingt einfach, ist aber eine besondere Form der Verdichtung. Lynch selbst erklärt, ein erfolgreicher Gag-Cartoon müsse vom Leser innerhalb von ungefähr vier Sekunden verstanden werden.
Die Idee muss also praktisch sofort funktionieren.
Als Stoff dienen ihm Alltagssituationen, Nachrichten, Ärgernisse und vor allem Widersprüche im menschlichen Verhalten. Gerade diese Fähigkeit, eine Beobachtung auf einen einzigen visuellen Gag zu reduzieren, passt hervorragend zu MAD.
Von Reader’s Digest bis Playboy
Im Laufe seiner Karriere erschienen Lynchs Cartoons in einer bemerkenswerten Vielzahl von Publikationen.
Dazu gehören unter anderem Reader’s Digest, The Wall Street Journal, Playboy, Harvard Business Review, New York Daily News, Barron’s, Punch und The Spectator. Auch als Illustrator arbeitete Lynch, beispielsweise für Bücher und Fachpublikationen.
Er gehört außerdem zur National Cartoonists Society, der traditionsreichen amerikanischen Berufsorganisation für Cartoonisten.
Doch bei all diesen Veröffentlichungen blieb ein Magazin für ihn etwas Besonderes.
Ein Junge mit MAD-Abonnement
Lynch gehörte zu jener Generation amerikanischer Kinder, für die MAD in den 1970er-Jahren beinahe Pflichtlektüre war.
Er selbst beschreibt diese Zeit sogar als regelrechte MAD-Obsession.
Als Junge in Lawrence, Kansas, sparte er sein eigenes Geld zusammen und gab es seinem Vater, damit dieser ihm per Scheck ein MAD-Abonnement bestellen konnte. Die Ausgaben anschließend im Briefkasten zu finden, war für ihn ein Ereignis.
Namen wie Mort Drucker, Don Martin, Sergio Aragonés, Al Jaffee, Dave Berg oder Jack Davis gehörten zu den Künstlern, mit denen er aufwuchs.
Damals dürfte Lynch kaum geahnt haben, dass er Jahrzehnte später einige dieser Männer persönlich kennenlernen würde.
Und noch weniger, dass irgendwann sein eigener Name in MAD stehen sollte.
2012: Endlich MAD!
Im Jahr 2012 war es soweit.
MAD kaufte erstmals einen Cartoon von Mike Lynch.
Der Beitrag erschien in MAD Nr. 517 vom Oktober 2012 innerhalb der sogenannten Fundalini Pages. Der Cartoon trug den Titel „Out to Lynch“ und zeigte einen Getränkeautomaten in der Wüste.
Für Lynch war das mehr als einfach eine weitere Veröffentlichung.
In seinem eigenen Blog schrieb er damals sinngemäß, dass eine Veröffentlichung in MAD schon lange auf seiner persönlichen Liste jener Dinge gestanden habe, die er als Cartoonist unbedingt einmal erreichen wollte.
Und er fügte selbstbewusst hinzu:
Es würde nicht das letzte Mal sein.
Damit war aus dem Jungen mit dem MAD-Abonnement tatsächlich ein MAD-Cartoonist geworden.
„Out to Lynch“ geht weiter
Lynch behielt recht.
Weitere Cartoons wurden von MAD gekauft und veröffentlicht. So taucht „Out to Lynch“ beispielsweise auch in MAD Nr. 527 erneut in den Fundalini Pages auf – diesmal mit einem Gag über eine Ameisenreihe an einer Wand.
Lynch war damit zwar kein MAD-Künstler, der Ausgabe für Ausgabe seitenlange Filmparodien zeichnete. Seine Rolle war eine andere.
Er lieferte genau jene kleinen Gags und Cartoons, die schon seit Jahrzehnten zum besonderen Charakter des Magazins gehörten.
Und das reichte ihm, um sich später selbst mit augenzwinkernder Bescheidenheit zur „Usual Gang of Idiots“ zu zählen – wenn auch, wie er schrieb, zu den „kleineren Idioten“.
Für einen lebenslangen MAD-Fan dürfte es kaum eine schönere Berufsbezeichnung geben.
Eine Auszeichnung mit einem berühmten Namen
2014 schloss sich der Kreis auf eine weitere bemerkenswerte Weise.
Mike Lynch erhielt von der südöstlichen Sektion der National Cartoonists Society den Jack Davis Award als Cartoonist of the Year.
Der Namensgeber dieser Auszeichnung war ausgerechnet Jack Davis – einer der legendärsten Künstler der gesamten MAD-Geschichte.
Lynch war nach eigener Aussage vollkommen überrascht, als ihm die Auszeichnung während eines Treffens in Athens, Georgia, überreicht wurde. In seinem Bericht darüber bezeichnete er Jack Davis ausdrücklich als einen der herausragenden MAD-Illustratoren.
Vom MAD-lesenden Jungen zum MAD-Mitarbeiter – und schließlich zum Gewinner eines nach Jack Davis benannten Cartoonistenpreises.
Schlechter kann eine Karriere eigentlich nicht verlaufen.
Bewahrer der Cartoon-Geschichte
Mike Lynch zeichnet jedoch nicht nur selbst.
Auf seinem seit vielen Jahren betriebenen Blog Mike Lynch Cartoons widmet er sich mit großer Leidenschaft der Geschichte des Cartoonings. Dort stellt er historische Magazinzeichnungen vor, erinnert an verstorbene Künstler, veröffentlicht Interviews und zeigt Arbeiten aus Jahrzehnten amerikanischer Cartoonkultur.
Immer wieder spielt dabei auch MAD eine Rolle.
Lynch schreibt über Künstler wie Al Jaffee, Mort Drucker, Don Martin, Sergio Aragonés und viele andere. Dadurch ist sein Blog längst nicht nur Werbung für seine eigene Arbeit, sondern eine umfangreiche Fundgrube zur Geschichte des amerikanischen Cartoons.
Als das Ende des alten MAD kam
Besonders deutlich wurde Lynchs persönliche Verbindung zum Magazin im Sommer 2019.
Nachdem bekannt geworden war, dass MAD die regelmäßige Veröffentlichung fast ausschließlich neuer Inhalte einstellen würde, schrieb Lynch einen sehr persönlichen Rückblick.
Für ihn war MAD nicht einfach irgendeine Zeitschrift. Es gab die allgemeine Geschichte des Magazins – und daneben seine eigene Geschichte mit MAD.
Als Kind hatte er die Zeichner bewundert.
Als Erwachsener lernte er einige von ihnen kennen.
Und schließlich kaufte MAD seine eigenen Cartoons.
Damit war er selbst Teil jener verrückten Tradition geworden, die ihn als Jungen begeistert hatte.
Vom Leser zum „Idiot“
Mike Lynch gehört vielleicht nicht zu den Namen, die ein MAD-Leser sofort gemeinsam mit Don Martin, Mort Drucker oder Al Jaffee nennt.
Gerade deshalb ist seine Geschichte so sympathisch.
Sie zeigt, welche Wirkung MAD auf Generationen angehender Cartoonisten hatte. Ein Junge spart sein Taschengeld für ein Abonnement, studiert die Zeichnungen seiner Idole, entscheidet sich irgendwann selbst für ein Leben als Cartoonist – und Jahrzehnte später öffnet ein anderer MAD-Leser das Magazin und findet darin seinen Cartoon.
Aus dem Fan war ein Kollege seiner früheren Vorbilder geworden.
Oder, wie man bei MAD wohl sagen würde:
Mike Lynch hatte es endlich geschafft, selbst einer der Idioten zu werden.
