Michael H. Musal – ein vielseitiger Zeichner zwischen MAD, YPS und Disney

LEXIKON

Alfred E. Neumann

9/22/20264 min read

Wer sich mit den Zeichnern des deutschen MAD beschäftigt, stößt immer wieder auf Künstler, deren Arbeit weit über die Seiten des Magazins hinausreicht. Michael H. Musal ist dafür ein besonders gutes Beispiel. Comiczeichner, Illustrator, Autor, Character Designer, Animator, Spieleentwickler und Dozent – Musals beruflicher Weg führt durch erstaunlich viele Bereiche der gezeichneten Unterhaltung.

Und mittendrin findet sich natürlich: MAD.

Vom Zeichnen zum Beruf

Michael H. Musal wurde 1957 in Wiesbaden geboren. Schon früh beschäftigte er sich intensiv mit Zeichnung und Illustration. Noch in jungen Jahren absolvierte er eine Ausbildung an der amerikanischen Famous Artists School in Connecticut. Nach Schule und Wehrdienst folgte zunächst ein eher bodenständiger beruflicher Weg: Musal ließ sich für eine Tätigkeit in der Verwaltung ausbilden und studierte gleichzeitig Geschichte an der Fernuniversität Hagen.

Doch die Kunst gewann.

Um 1980 machte er sich als Illustrator und Autor selbstständig. Erste Comics entstanden bereits zu Beginn der 1980er-Jahre. Zu seinen frühen Arbeiten gehörten unter anderem Die Langobarden, später folgten zahlreiche Illustrationen, Comics und Auftragsarbeiten. Gemeinsam mit seinem Bruder Thomas arbeitete Musal außerdem im eigenen Studio an Projekten für Werbung und Medien.

Comics, Werbung und ein Preis

Musal etablierte sich schnell in der deutschen Comicszene. 1982 gehörte er zu den Mitbegründern des ICOM – Interessenverband Comic, einer Organisation, die für die Entwicklung der unabhängigen deutschen Comicszene eine wichtige Rolle spielte.

1985 erhielt Musal nach eigenen Angaben bei der Comic-Olympiade eine Auszeichnung als bester deutscher Comiczeichner. Zu seinen Arbeiten dieser Zeit und der folgenden Jahre gehörten unter anderem Odyssee, die Bokanovsky-Erzählungen, Die Zeitzocker sowie Geschichten für die traditionsreichen Gespenster Geschichten des Bastei-Verlags.

Damit gehörte Musal längst zu jener Generation deutscher Künstler, die nicht nur einzelne Comics zeichneten, sondern praktisch überall dort arbeiteten, wo Geschichten mit Bildern erzählt wurden.

Ausbildung bei Disney

Anfang der 1990er-Jahre kam ein weiterer bemerkenswerter Abschnitt hinzu. Musal absolvierte in Paris eine Ausbildung beziehungsweise Schulung im Bereich Animation und Character Art bei Disney.

Dieses Wissen nutzte er anschließend auch professionell im Character Design. Mehrere Jahre arbeitete er beispielsweise mit Figuren für Kellogg's und betreute deren zeichnerische Umsetzung und Gestaltung. Animation, Werbung und die Entwicklung wiedererkennbarer Figuren wurden damit neben dem klassischen Comic zu einem wichtigen Teil seiner Arbeit.

Michael Musal bei YPS

Für deutsche Comicfans ist noch ein anderes Magazin interessant: YPS.

Musal schuf die Science-Fiction-Serie Cybertoon, für die er sowohl als Zeichner als auch als Texter verantwortlich war. Die Serie erschien in den YPS-Ausgaben 1248 bis 1253 und umfasste sechs Episoden.

Die Geschichten trugen Titel wie Ozgood an Bord, Die Hexe von Alfar, Die Sauroiden, Rebellion der Schatten und Der Schatz von Twar. Zeitweise wurde Cybertoon anschließend sogar im Internet weitergeführt – zu einer Zeit, als digitale Comicangebote noch keineswegs selbstverständlich waren.

Und dann kam MAD.

Michael H. Musal und das deutsche MAD

Anfang der 2000er-Jahre wurde Musal Teil der deutschen MAD-Mannschaft bei Panini. Seine eigene aktuelle Vita nennt regelmäßige Beiträge für MAD von 2001 bis 2014; eine weitere biografische Darstellung nennt den Zeitraum 2002 bis 2016. Ganz unabhängig von dieser kleinen Abweichung steht fest: Musal gehörte über viele Jahre zu den prägenden deutschen Mitarbeitern der Panini-Ära.

Das ist für die Geschichte des deutschen MAD besonders interessant. Anders als bei vielen amerikanischen Beiträgen, die lediglich übersetzt oder für den deutschen Markt angepasst wurden, entstanden durch Künstler wie Musal eigenständige deutsche Inhalte.

Seine Erfahrung passte hervorragend zu MAD. Schließlich beherrschte Musal nicht nur die Zeichnung. Er konnte Figuren entwickeln, Geschichten erzählen, Situationen visuell zuspitzen und selbst Texte schreiben. Genau diese Verbindung aus Cartoon, Comic und Satire war für ein Magazin wie MAD ideal.

Musal war also nicht einfach jemand, der fertige Ideen anderer zeichnete. Er konnte den kompletten Weg von der Idee bis zur fertigen Comicseite übernehmen.

Einer, der Geschichten erzählen will

Was sich durch Musals Karriere zieht, ist weniger ein bestimmter Zeichenstil als die Begeisterung für das Geschichtenerzählen.

Comic, Animation, Computerspiel oder Drehbuch sind für ihn letztlich unterschiedliche Möglichkeiten, Figuren und Geschichten zum Leben zu erwecken. Das erklärt auch, warum seine berufliche Laufbahn so ungewöhnlich breit gefächert ist.

Zeitweise arbeitete er beispielsweise als Lead Artist in der Spieleentwicklung. Später übernahm er Aufgaben als Creative Director und Character Designer. Gleichzeitig entstanden weiterhin Comics und Drehbücher.

Dieses Wissen gibt Musal seit vielen Jahren auch weiter. Seit 2010 unterrichtet er an verschiedenen Hochschulen unter anderem Visual Storytelling, Character Design sowie 2D- und 3D-Animation. Für seine langjährige Lehrtätigkeit an der Hochschule Harz wurde er 2023 ausgezeichnet.

Und er zeichnet immer noch

Besonders schön ist, dass Michael H. Musals Comicgeschichte keineswegs abgeschlossen ist.

Seit 2020 arbeitet er wieder verstärkt für Weissblech Comics und ist regelmäßig im Horrorcomic-Magazin Horrorschocker vertreten. Dort erschienen in den vergangenen Jahren zahlreiche Geschichten mit seiner Beteiligung.

Und selbst 2026 ist Musal weiterhin aktiv: Für Horrorschocker Nr. 79 zeichnete und tuschte er die zehnseitige Geschichte „Stille Wasser“, deren Idee ebenfalls von ihm mitentwickelt wurde.

Damit liegen zwischen seinen ersten veröffentlichten Comics und seinen aktuellen Arbeiten mehr als vier Jahrzehnte.

Von MAD bis Horrorschocker

Für uns MAD-Fans ist Michael H. Musal deshalb ein spannender Vertreter der deutschen Magazin-Geschichte. Sein Name verbindet gleich mehrere Welten, die viele Leser einer bestimmten Generation begleitet haben: YPS, Gespenster Geschichten, Disney, MAD und moderne Independent-Comics.

Bei MAD konnte er genau das einsetzen, was seine gesamte Karriere kennzeichnet: zeichnen, schreiben, Figuren entwickeln und Geschichten auf den Punkt bringen.

Und vielleicht passt gerade deshalb eine Beschreibung besonders gut zu ihm:

Michael H. Musal ist weniger ein Zeichner, der irgendwann einmal für MAD gearbeitet hat – sondern ein Geschichtenerzähler, dessen Weg eben glücklicherweise auch durch MAD führte.