Matthias Kringe – von Dilldappen, MAD und Spaß Wars

LEXIKON

Alfred E. Neumann

9/23/20265 min read

Es gibt Zeichner, deren Stil man erkennt, bevor man überhaupt nach der Signatur sucht. Und es gibt Zeichner, die gleichzeitig so viele verschiedene Welten bedienen, dass man sich irgendwann fragt, woher sie eigentlich die Zeit dafür nehmen.

Matthias Kringe gehört zu beiden Gruppen.

Der Siegerländer Cartoonist und Autor zeichnet seit Jahrzehnten politische Karikaturen, veröffentlicht seine legendären Dilldappen, parodiert Filme und Fernsehserien und arbeitete viele Jahre für das deutsche MAD-Magazin.

Dabei war MAD für ihn keineswegs irgendein Auftraggeber. Kringe war selbst Fan – lange bevor er Mitglied der deutschen „Gang of Idiots“ wurde.

Ein Zeichner aus dem Siegerland

Matthias Kringe wurde 1961 in Siegen geboren und wuchs in Netphen-Eckmannshausen auf. Schon als Schüler zeichnete er begeistert. Kunst war sein Lieblingsfach, erste Karikaturen erschienen in der Schülerzeitung.

Später studierte er Allgemeine Literaturwissenschaft, Geschichte und Kunstgeschichte. Auch klassische Zeichnung und Malerei gehörten zu seiner Ausbildung. Seine berufliche Laufbahn als Zeichner begann allerdings schon während des Studiums: Für die regionale Westfalenpost arbeitete er als politischer Karikaturist.

Kringe verstand sich dabei von Anfang an nicht einfach nur als jemand, der Bilder zeichnet. Für ihn gehörte zum Zeichnen immer auch das Erzählen einer Geschichte.

Eine Einstellung, die später hervorragend zu MAD passen sollte.

Die Dilldappen werden Kult

Bereits 1982 begann Kringe mit einem Projekt, das bis heute untrennbar mit seinem Namen verbunden ist: dem Dilldappen-Kalender.

Dilldappen sind Sagengestalten aus dem Siegerland. Kringe hatte als Kind von seinem Großvater Geschichten über sie gehört. Weil diese Erzählungen häufig nur bruchstückhaft waren, begann er, die fehlenden Teile mit seiner eigenen Fantasie zu ergänzen.

Aus den Sagengestalten wurde bei ihm eine ziemlich typische Siegerländer Familie – nur eben in Dilldappenform.

Die Figuren sprechen Siegerländer Platt, streiten, feiern, erleben Alltagskatastrophen und nehmen zugleich aktuelle Themen und Popkultur aufs Korn. Kringe bezeichnete die Mischung selbst als eine Verbindung aus Sage und Satire.

Was als regionales Projekt begann, entwickelte sich zu einer Institution. Der Dilldappen-Kalender erscheint seit Jahrzehnten jährlich.

Und irgendwann begegneten die Dilldappen sogar Han Solo und Chewbacca – zumindest auf Kringes ganz eigene Art.

Ein MAD-Fan wird MAD-Zeichner

Für uns wird es 1998 besonders interessant.

Kringe war zu diesem Zeitpunkt längst ein erfahrener Cartoonist und schon seit den Zeiten Herbert Feuersteins begeisterter Leser des deutschen MAD. Noch stärker faszinierte ihn allerdings das ursprüngliche amerikanische MAD aus den 1950er- und 1960er-Jahren und die Comics des EC-Verlags.

Als in Deutschland unter dem Dino-Verlag ein neues MAD gestartet wurde, schickte Kringe Arbeitsproben an die Redaktion.

Mit Erfolg.

„Ab Ausgabe 4 war ich dann regelmäßig dabei.“

So beschrieb Kringe seinen Einstieg später selbst.

Damit begann eine Zusammenarbeit, die ihn zu einem der auffälligsten deutschen Zeichner der neueren MAD-Geschichte machte.

Cover, Alfred und jede Menge Parodien

Matthias Kringes Tätigkeit für MAD beschränkte sich keineswegs auf kleine Cartoons.

Er arbeitete unter anderem an Covergestaltungen, an der Alfred-E.-Neumann-Galerie, an Comicparodien und an satirischen Stilkopien.

Gerade seine Fähigkeit, verschiedene zeichnerische Stile aufzugreifen und gleichzeitig etwas Eigenes daraus zu machen, war für MAD ideal.

Film, Fernsehen, Science-Fiction und Popkultur boten Kringe nahezu unbegrenztes Material.

Einer seiner frühen MAD-Comics war beispielsweise die Superman-Parodie „Supermensch“. Kringe bezeichnete sie später selbst als eine seiner ersten Comicparodien für MAD und zugleich als Hommage an die Geschichten des großen Donald-Duck-Zeichners Carl Barks.

Und Carl Barks war tatsächlich einer seiner wichtigsten Einflüsse.

Barks und Franquin als Vorbilder

Nach seinen zeichnerischen Vorbildern gefragt, nennt Kringe vor allem zwei Namen:

Carl Barks und André Franquin.

Barks prägte mit seinen Donald-Duck- und Dagobert-Duck-Geschichten Generationen von Comiczeichnern. Franquin wiederum gehört mit Serien wie Spirou und Fantasio und Gaston zu den bedeutendsten Vertretern des frankobelgischen Comics.

Kringe erklärte, er habe die Werke beider Künstler sowohl visuell als auch dramaturgisch „aufgesaugt“. Zunächst habe er versucht, Ähnliches zu schaffen, bevor daraus nach und nach sein eigener Stil entstand.

Das erklärt einiges.

Denn auch bei Kringe lebt ein guter Comic nicht ausschließlich von einer hübschen Zeichnung. Entscheidend sind Timing, Figuren, Bewegung – und natürlich der Gag.

Spaß im Krieg der Sterne

Besonders deutlich zeigt sich Kringes Humor bei seiner Beschäftigung mit Star Wars.

Schon 1978 sah er den damals noch unter dem deutschen Titel Krieg der Sterne laufenden Film im Kino. Vor allem die Cantina-Szene und die schmutzige, gebrauchte Welt der Filme faszinierten ihn.

Jahre später machte er genau dieses Universum zum Ziel seiner Parodien.

Aus Star Wars wurde SPASS WARS.

Darin nahm Kringe Figuren, Situationen und Eigenheiten der berühmten Filmreihe auseinander. Ein Teil dieser Strips war ursprünglich bereits im deutschen MAD erschienen. Später wurden sie gesammelt bei Panini veröffentlicht. Auch SPASS TREK nahm sich auf ähnliche Weise des Star-Trek-Universums an.

Wer MAD kennt, erkennt darin sofort die Tradition: Man kann etwas durchaus lieben – und es trotzdem gnadenlos veralbern.

Vielleicht sogar gerade deshalb.

Pettersson, Ponys und andere Kreaturen

Kringe blieb jedoch nie auf MAD und seine Dilldappen beschränkt.

Für verschiedene Magazine zeichnete er Cartoons und entwickelte eigene Figuren. Dazu gehören etwa Sparky, Pepper das Pony und der sogenannte Panini-Dino.

Besonders umfangreich war seine Beschäftigung mit Pettersson und Findus. Kringe entwickelte Bildergeschichten für das entsprechende Kindermagazin und arbeitete außerdem an Lizenzprodukten wie Puzzlebüchern und Stickeralben.

Hinzu kamen Cartoons für Magazine wie TV-Highlights, Moviestar und DVD Special sowie zahlreiche Illustrationen und Buchprojekte.

Sogar George Orwells Animal Farm findet sich in seiner Bibliografie: Kringe illustrierte eine jiddische Ausgabe des Klassikers. Außerdem arbeitete er an einer lateinischen Ausgabe von Yes, Virginia, There Is a Santa Claus.

Eine ziemlich ungewöhnliche Mischung.

Aber genau das macht seine Karriere interessant.

Vom Cartoon zum Animationsfilm

Auch Animation gehört zu Kringes Arbeitsgebieten.

Für Umwelt- und Naturschutzprojekte entwickelte er Figuren und Filme. 2012 gewann sein Film „Gib ihm ’ne Chance – Willkommen Wolf!“ einen Kreativwettbewerb des NABU. Später erhielt er bei einem Wettbewerb des BUND einen zweiten Preis für einen Comic gegen Meeresverschmutzung, aus dem anschließend ein Animationsfilm entstand.

Gemeinsam mit seiner Tochter Elisabeth arbeitete er außerdem an „Im Reich der Klofrösche“, einem Erklärfilm über die Funktionsweise einer Kläranlage.

Vom MAD-Cartoon über Siegerländer Sagengestalten bis zum Bildungsfilm über Abwasser – Kringe scheint kaum eine zeichnerische Herausforderung auszulassen.

Ein deutscher MAD-Zeichner mit eigener Handschrift

Matthias Kringe ist für die Geschichte des deutschen MAD besonders interessant, weil er etwas repräsentiert, das leicht übersehen wird.

Das deutsche MAD bestand eben nicht ausschließlich aus übersetzten amerikanischen Beiträgen.

Zeichner und Autoren wie Kringe entwickelten eigenständiges Material für den deutschen Markt. Sie griffen deutsche Themen auf, parodierten aktuelle Filme und Serien und schufen eine eigene Ebene innerhalb des Magazins.

Kringe war dabei nicht nur Illustrator fremder Ideen. Er war und ist Autor und Zeichner zugleich.

Das entsprach auch seinem eigenen Verständnis des Berufs. Jungen Zeichnern gab er einmal sinngemäß mit auf den Weg, nicht nach austauschbarer Perfektion zu streben. Viel wichtiger seien gute Geschichten, Bildung und eine eigene, unverwechselbare Handschrift.

Das klingt erstaunlich wenig nach einem Künstler, der nur möglichst schöne Bilder produzieren möchte.

Und erstaunlich viel nach MAD.

Dilldappen trifft Alfred E. Neumann

Heute blickt Matthias Kringe auf eine außergewöhnlich vielseitige Karriere zurück.

Politische Karikaturen, Dilldappen, MAD, SPASS WARS, SPASS TREK, Pettersson & Findus, Kindercomics, Buchillustrationen, Animationen und unzählige andere Projekte gehören dazu. Auf seinem eigenen Künstlerprofil bezeichnet er sich passend als „Siegerländer, Dilldappen-Forscher, Barksist, MAD-Cartoonist, Pettersson&Findus-Geschichten-Ausdenker, Spaß-Warrior“.

Viel besser lässt sich Matthias Kringe kaum zusammenfassen.

Für uns MAD-Fans bleibt vor allem eines:

Matthias Kringe gehört zu jener Generation deutscher Künstler, die Alfred E. Neumann nicht einfach nur bewundert hat – sondern irgendwann selbst dafür sorgen durfte, dass er weiterhin Unsinn anstellen konnte.

Und was könnte für einen MAD-Zeichner schöner sein?