Matt Lassen – vom MAD-Praktikanten zur „Usual Gang of Idiots“

LEXIKON

Alfred E. Neumann

9/21/20265 min read

Mehr als 450 Fold-Ins restaurieren, unzählige Ideen einreichen, den größten Teil davon abgelehnt bekommen – und trotzdem immer wieder weitermachen.

So kann eine Karriere bei MAD offenbar auch beginnen.

Matt Lassen gehört zur jüngeren Generation der amerikanischen MAD-Autoren und -Zeichner. Seine Geschichte ist besonders interessant, weil er nicht als bereits etablierter Cartoonist zur Redaktion kam. Er lernte das Magazin zunächst von innen als Praktikant kennen und schaffte später den Sprung zum regelmäßigen Mitarbeiter.

Heute gibt er genau diese Erfahrungen an eine neue Generation von Cartoonisten weiter.

Ein Traum namens MAD

Lassen wuchs mit Comics und Cartoons auf und wollte selbst professionell zeichnen und schreiben.

MAD war dabei eines seiner großen Ziele.

Doch wie so häufig bei diesem Magazin bedeutete Interesse allein noch lange nicht, dass eine Idee auch gedruckt wurde.

Lassen beschrieb später ziemlich offen, wie viele seiner frühen Vorschläge abgelehnt wurden. In einem Text für seine Schüler schrieb er 2025, dass zu Beginn ungefähr 99 Prozent seiner Einreichungen bei MAD abgelehnt worden seien.

Nachdem er erste Beiträge verkaufen konnte, sank die Quote nach seiner eigenen Einschätzung auf etwa 90 Prozent.

Das klingt zunächst nicht besonders motivierend.

Für Lassen war es jedoch offenbar genau das Gegenteil:

Ablehnung gehörte zum Handwerk.

Der erste Erfolg bei MAD Kids

Seine erste im umfangreichen MAD-Index von Doug Gilford verzeichnete Arbeit erschien in:

MAD Kids Nr. 14 – März 2009

Der Beitrag hieß:

„Alfred's Brain Drool“

Damit hatte Lassen erstmals einen Fuß in der Tür.

Der entscheidende Schritt folgte allerdings nicht nur als Autor.

Er kehrte nach MAD zurück – diesmal als Praktikant in der Art-Abteilung.

Mitten in der MAD-Redaktion

Lassen hat seine Zeit beim Magazin inzwischen selbst in der autobiografischen Reihe „Making of a MAD Man“ aufgearbeitet.

Noch 2026 veröffentlichte er weitere Teile dieser Erinnerungen und beschreibt darin seinen Weg vom Nachwuchscartoonisten zum MAD-Mitarbeiter.

Seine Praktikumszeit muss für einen MAD-Fan ungefähr das gewesen sein, was ein Praktikum in Willy Wonkas Schokoladenfabrik für einen Süßwarenfan wäre.

Nur mit mehr Papier.

Und vermutlich ähnlich vielen seltsamen Menschen.

Lassen arbeitete in der Kunstabteilung unter anderem mit Sam Viviano, Ryan Flanders und Doug Thomson zusammen.

Eine seiner ungewöhnlichsten Aufgaben:

alte MAD Fold-Ins restaurieren.

Mehr als 450 Fold-Ins

Für eine geplante Sammlung mussten historische Fold-Ins digital aufgearbeitet werden.

Lassen erinnerte sich später daran, innerhalb von ungefähr sechs Wochen mehr als 450 Fold-Ins restauriert zu haben.

Das bedeutete: stundenlanges Arbeiten an Werken, die ursprünglich von Al Jaffee für das Magazin geschaffen worden waren.

Für einen jungen Cartoonisten dürfte das eine ziemlich außergewöhnliche Kunstschule gewesen sein.

Andere Studenten analysieren Komposition.

Matt Lassen bearbeitete hunderte Bilder, die absichtlich erst dann richtig funktionieren, wenn man sie zusammenfaltet.

MAD hatte eben seine eigenen Lehrmethoden.

Vom Praktikanten zum Autor

Während seines Praktikums schrieb Lassen weiterhin eigene Ideen.

Am Wochenende entwickelte er einen Beitrag und schickte ihn an den MAD-Redakteur Dave Croatto.

Die Redaktion kaufte ihn.

Damit veränderte sich seine Rolle grundlegend.

Aus dem Praktikanten wurde ein richtiger MAD-Mitarbeiter.

Ab MAD Nr. 507 vom Februar 2011 lässt sich Lassen regelmäßig im Hauptmagazin nachweisen. Dort schrieb er einen Beitrag für:

„The MAD 20 Dumbest People, Events and Things of 2010“

Sein Thema war Tiger Woods, umgesetzt gemeinsam mit dem Künstler Scott Bricher.

Lassen is More

Lassen blieb jedoch nicht ausschließlich Autor.

Der MAD Cover Site führt ihn sowohl als Writer als auch als Artist.

In MAD Nr. 516 vom August 2012 erschien beispielsweise:

„Lassen is More – Wanted: Better Artist“

Hier war er sowohl Autor als auch Zeichner.

Schon der Titel zeigt, dass er eine zentrale MAD-Regel verstanden hatte:

Wenn niemand anderes zum Ziel des Witzes taugt, nimmt man eben sich selbst.

Gemeinsam mit der „Usual Gang“

Als Autor arbeitete Lassen mit zahlreichen MAD-Künstlern zusammen.

Dazu gehörten unter anderem Tom Bunk, Hermann Mejía, Anton Emdin, Rick Geary, Scott Bricher, Ward Sutton und Rick Tulka.

Ein schönes Beispiel ist:

„Inappropriate Questions to Ask During a Job Interview“

aus MAD Nr. 514 vom April 2012, gezeichnet von Tom Bunk.

Andere Beiträge beschäftigten sich mit Lebensläufen, Politik, Superhelden, Fernsehen, Prominenten oder völlig unnötigen gesellschaftlichen Beobachtungen.

Also mit den Dingen, die für MAD wirklich wichtig sind.

Prominente im MAD-Supermarkt

Auch eine klassische MAD-Idee wurde unter Lassen wiederbelebt:

„MAD's Celebrity Supermarket“

Die Rubrik hatte es bereits in den 1980er-Jahren gegeben.

Für MAD Nr. 535 vom Oktober 2015 schrieb Lassen eine neue Version, gezeichnet von Scott Bricher.

Darin wurden Prominente wie LeBron James, Katy Perry, Adele, Weird Al Yankovic, Snoop Dogg und Johnny Depp in Produkte eines absurden Supermarkts verwandelt.

2017 folgte eine weitere Ausgabe der Rubrik.

MAD konnte also selbst aus Stars Lebensmittel machen.

Eine Fähigkeit, die in seriösen Redaktionen vermutlich seltener gefragt ist.

Politik, Popkultur und Fundalini

Ein großer Teil von Lassens MAD-Arbeit entstand für die Fundalini Pages.

Diese kurzen Seiten waren ideal für schnelle Ideen, Listen, Fake-Anzeigen und aktuelle Popkulturwitze.

So schrieb er etwa für MAD Nr. 534 von 2015 Beiträge darüber, wie die Republikaner Latino-Wähler gewinnen wollten und welche Wünsche Menschen angeblich in Einkaufszentrum-Brunnen werfen.

Gerade solche kurzen Formate zeigen Lassens Stärke:

Eine Idee muss nicht acht Seiten lang sein.

Manchmal reichen ein paar Zeilen, wenn der Gedanke absurd genug ist.

Vom MAD-Gag zum Internet-Hit

Außerhalb von MAD erlangte Lassen Aufmerksamkeit mit einer Reihe, in der er bekannte Cartoonfiguren als Brooklyn-Hipster interpretierte.

Die Serie wurde unter anderem von BuzzFeed aufgegriffen.

Lassen selbst nennt diesen Erfolg heute als Beispiel dafür, wie wichtig es für junge Künstler ist, eigene Arbeiten öffentlich zu zeigen.

Seine Hipster-Cartoons führten nach seinen Angaben zu weiterer Aufmerksamkeit und anschließend zu Aufträgen beziehungsweise Veröffentlichungen bei Complex, HuffPost, USA Today und GoComics.

Wenn der Präsident einen Twitter-Account bekommt

2019 veröffentlichte Lassen:

„If You Give The President A Twitter Account“

Das 40-seitige Buch ist eine politische Parodie auf das Prinzip klassischer amerikanischer Kinderbücher.

Im Mittelpunkt steht Donald Trump und die Endlosschleife aus Tweets, Medienberichten und politischen Reaktionen, die seine Präsidentschaft geprägt hatte.

Lassen schrieb und illustrierte das Buch selbst.

A Gaslight in the Attic

2020 folgte ein weiteres politisches Satireprojekt:

„A Gaslight in the Attic“

Der Titel parodiert Shel Silversteins berühmte Gedichtsammlung A Light in the Attic.

Lassen schrieb mehr als 70 satirische Gedichte über die Trump-Präsidentschaft und illustrierte sie mit eigenen Schwarz-Weiß-Zeichnungen.

Damit blieb er einem Grundprinzip treu, das bereits seine MAD-Arbeiten bestimmt hatte:

Bekannte Formen werden übernommen – und anschließend gegen ihren ursprünglichen Zweck verwendet.

Vom Schüler zum Lehrer

Inzwischen sitzt Lassen nicht mehr nur selbst am Zeichentisch.

Er unterrichtet Cartooning an der High School of Art and Design in Manhattan.

Seine Tätigkeit dort ist auch unabhängig dokumentiert: Schülerprojekte nennen ihn ausdrücklich als Kunstlehrer; außerdem wurde Lassen 2022 und 2023 für den FLAG Award for Teaching Excellence berücksichtigt.

Damit schließt sich ein schöner Kreis.

Der junge Künstler, der selbst versuchte, bei MAD einen Fuß in die Tür zu bekommen, erklärt heute seinen Schülern, wie man ein Portfolio entwickelt, eigene Projekte startet und mit Ablehnung umgeht.

Was MAD ihm beigebracht hat

Besonders bemerkenswert ist, wie offen Lassen über die Bedeutung von MAD für seine Karriere spricht.

2025 schrieb er seinen Abschlussklassen:

„My work for MAD Magazine lead to more work from other clients.“

MAD war also nicht nur ein Auftraggeber.

Das Magazin wurde Teil seines Portfolios und öffnete weitere Türen.

Gleichzeitig vermittelt Lassen seinen Schülern eine Erfahrung, die er selbst bei MAD gemacht hat:

Eine Absage bedeutet nicht, dass man aufhören sollte.

Man zeichnet weiter.

Man schreibt weiter.

Man reicht die nächste Idee ein.

Vom Praktikanten zum Idioten

Matt Lassens Geschichte unterscheidet sich von der vieler klassischer MAD-Künstler.

Er kam nicht als berühmter Illustrator.

Er begann als junger Cartoonist, bekam Absagen, verkaufte schließlich einen Beitrag an MAD Kids, arbeitete als Praktikant in der Redaktion und restaurierte hunderte historische Fold-Ins.

Dann schrieb er selbst für das Magazin.

Später zeichnete er eigene Beiträge.

Und irgendwann konnte er sich zu jener exklusiven Gemeinschaft zählen, auf die MAD jahrzehntelang besonders stolz war:

„The Usual Gang of Idiots“

Heute erzählt Lassen diese Geschichte selbst unter dem treffenden Titel:

„Making of a MAD Man“

Eigentlich fehlt nur noch eine letzte Lektion für seine Schüler:

Wenn 99 Prozent deiner MAD-Ideen abgelehnt werden, musst du offenbar einfach genügend Unsinn produzieren, damit das verbleibende eine Prozent für eine Karriere reicht.