Marvin Clifford – von MAD über Shakes & Fidget bis Schisslaweng

LEXIKON

Alfred E. Neumann

9/18/20264 min read

Computerspiele, Rollenspieler, Webcomics, autobiografischer Alltagswahnsinn – und mittendrin das deutsche MAD.

Marvin Clifford gehört zu jener jüngeren Generation deutscher Comiczeichner, die nicht mehr ausschließlich über gedruckte Comics bekannt wurde. Seine Karriere verbindet klassische Illustration mit Webcomics und Games – und führt dabei auch direkt durch die Redaktion des deutschen MAD.

Vom Grafikdesign zum Comic

Marvin Clifford wurde 1983 in Berlin geboren und lebt und arbeitet dort bis heute. Er studierte Grafikdesign an der Berliner Technischen Kunstschule beziehungsweise der späteren BTK-Akademie für Kommunikationsdesign.

Schon früh arbeitete er professionell als Comiczeichner, Illustrator und Concept Artist. Später gab er sein Wissen selbst weiter und unterrichtete Comic, Cartoon und Storyboard unter anderem an der BTK und am WannseeFORUM in Berlin.

Damit hatte Clifford eine ungewöhnlich breite Grundlage: Er konnte erzählen, Figuren entwickeln, Comics zeichnen – und wusste gleichzeitig, wie visuelle Gestaltung für Games und andere Medien funktioniert.

Shakes & Fidget

Seinen ersten großen Bekanntheitsschub brachte Shakes & Fidget.

Gemeinsam mit Oskar Pannier entwickelte Clifford die Webcomicserie, die von 2004 bis 2013 lief. Im Mittelpunkt standen zwei ziemlich zweifelhafte Fantasyhelden, die die Welt von Rollenspielen und insbesondere MMORPGs aufs Korn nahmen.

Genau deshalb funktionierte die Serie so gut: Wer Rollenspiele kannte, erkannte die Klischees sofort.

Heldenmut?

Vielleicht.

Epische Abenteuer?

Gelegentlich.

Komplett bescheuerte Spielerentscheidungen?

Garantiert.

Aus dem Comic entstand 2009 das Browsergame Shakes & Fidget, das sich zu einem internationalen Erfolg entwickelte. Cliffords eigene Website spricht von rund 15 Millionen Spielern weltweit.

Und dann kam MAD

Für uns besonders interessant ist Cliffords Verbindung zum deutschen MAD.

Einen seiner Beiträge können wir außergewöhnlich genau dokumentieren – weil Marvin Clifford selbst darüber schrieb.

Am 26. September 2008 kündigte er an, dass er in MAD Nr. 122 vertreten sei.

Der Autor Marius Pitsch hatte ihm einen Text geschickt, zu dem Clifford eine Doppelseite über Sex und Aufklärung zeichnete.

Das ist für unsere MAD-Recherche ein schöner Glücksfall: Kein späterer biografischer Eintrag, keine unsichere Erinnerung – sondern der Künstler selbst, der unmittelbar zum Erscheinen der Ausgabe darüber berichtet.

Mehr als nur ein einzelner MAD-Auftrag

MAD Nr. 122 war offenbar keine einmalige Begegnung.

In einem Interview von 2013 erklärte Clifford, dass er beruflich zahlreiche Illustrationsaufträge erledige – und nannte dabei ausdrücklich das „MAD Magazin Deutschland“.

Das bedeutet, dass seine Zusammenarbeit mit MAD über mehrere Jahre hinweg bestand.

Gerade seine Erfahrungen mit Rollenspiel-, Fantasy- und Computerspielwelten machten ihn zu einem passenden Künstler für das spätere MAD. Denn längst bestand Popkultur nicht mehr nur aus Fernsehen und Kinofilmen.

Games und Internetkultur waren zu einem wichtigen Teil davon geworden.

Und wenn es irgendwo neue Klischees gibt, braucht MAD selbstverständlich jemanden, der sie lächerlich macht.

Schisslaweng – der Zeichner wird selbst zur Figur

Nach Shakes & Fidget begann Clifford ein Projekt, bei dem er nicht mehr Fantasyhelden, sondern zunehmend sich selbst und seinen Alltag aufs Korn nahm:

Schisslaweng

Der Webcomic erzählt vom Leben eines Comiczeichners – allerdings selbstverständlich nicht als nüchterne Dokumentation.

Arbeit, Beziehungen, Freunde, kreative Krisen und alltägliche Katastrophen werden übertrieben und in kurze Comicgeschichten verwandelt.

Auf seiner eigenen Website beschreibt Clifford Schisslaweng als saloppen Einblick in seinen Alltag.

Das Prinzip passt hervorragend zu MAD: Nicht nur die anderen sind lächerlich.

Der Zeichner selbst ist es genauso.

Publikumspreis beim Max-und-Moritz-Preis

2014 folgte eine bedeutende Auszeichnung.

Beim Internationalen Comic-Salon Erlangen gewann Schisslaweng den Publikumspreis des Max-und-Moritz-Preises.

Das ist besonders bemerkenswert, weil der Max-und-Moritz-Preis zu den wichtigsten Auszeichnungen der deutschsprachigen Comicszene gehört. Der Publikumspreis wurde durch eine Abstimmung der Leser vergeben.

Der Berliner Webcomiczeichner hatte sich damit längst weit über die Gamer-Szene hinaus einen Namen gemacht.

Später erschienen die Schisslaweng-Geschichten auch gedruckt bei Panini.

Damit schloss sich auf gewisse Weise der Kreis: Clifford arbeitete für das deutsche MAD bei Panini – und veröffentlichte dort anschließend auch seine eigene Comicserie.

Vom Comiczeichner zum Concept Artist

Cliffords berufliche Arbeit beschränkt sich jedoch nicht auf Comics.

Als Illustrator und Concept Artist arbeitete er für Unternehmen aus der Games-Branche. Seine eigene Biografie nennt unter anderem King ART, Bethesda Softworks und Riot Games.

Bei King ART war er beispielsweise im Umfeld von The Book of Unwritten Tales 2 tätig.

Das ist eine andere Form derselben Fähigkeit: Figuren und Welten müssen so entworfen werden, dass sie sofort einen eigenen Charakter besitzen.

Ob Comicpanel oder Computerspiel spielt dabei zunächst gar keine so große Rolle.

Zwischen Papier und Bildschirm

Marvin Clifford steht damit für eine interessante Veränderung der Comicwelt.

Die großen MAD-Künstler der klassischen Ära arbeiteten für Magazine, Zeitungen, Werbeanzeigen und Bücher.

Cliffords Generation arbeitet zusätzlich mit:

Webcomics, Browsergames, Computerspielen und digitalen Illustrationen.

MAD ist bei ihm nicht Endstation oder alleiniger Mittelpunkt der Karriere, sondern ein Teil eines größeren kreativen Kosmos.

Und genau das macht ihn für die Geschichte der späteren deutschen MAD-Ausgabe interessant.

Ein MAD-Künstler der Internetgeneration

Marvin Clifford gehört nicht zur Generation von Herbert Feuerstein, Ivica Astalos oder Don Martin.

Er kam zu MAD in einer Zeit, in der Comics längst nicht mehr nur am Kiosk stattfanden.

Seine Leser fanden ihn im Magazin.

Aber auch im Internet.

In Browsergames.

Auf Comicplattformen.

Und später in Schisslaweng.

Damit verkörpert er ziemlich gut den Übergang von der klassischen Comiczeitschrift zur digitalen Comicwelt.

Nur eine Sache hat sich dabei offenbar nicht verändert:

Egal ob gedrucktes MAD-Heft oder Webcomic –
Blödsinn funktioniert auf jedem Bildschirm.