Klaus Gehrmann – der MAD-Zeichner, der seine Arbeit selbst erklärte
LEXIKON
Alfred E. Neumann
9/14/20264 min read


Wie entsteht eigentlich eine MAD-Parodie?
Bei vielen Künstlern müssen wir diese Frage anhand fertiger Zeichnungen beantworten. Klaus Gehrmann hat es uns leichter gemacht: Er veröffentlichte 2005 einen ausführlichen Werkstattbericht über die Entstehung einer Star-Wars-Parodie für das deutsche MAD.
Damit ist er nicht nur ein interessanter Zeichner der Dino-/Panini-Ära, sondern auch jemand, der uns einen seltenen Blick hinter die Kulissen des Magazins ermöglicht.
Vom Kommunikationsdesign zu MAD
Klaus Gehrmann schloss 2001 sein Kommunikationsdesign-Studium ab und arbeitet seitdem als selbstständiger Künstler.
Zu seinen Auftraggebern gehörte auch der Panini-Verlag, für den er Cartoons und Karikaturen für das deutsche MAD zeichnete.
Bereits im März 2005 berichtete Gehrmann, dass er seit gut vier Jahren für die deutsche Ausgabe tätig sei. Seine Mitarbeit begann also ungefähr zur Zeit seines Studienabschlusses.
In diesen Jahren wurde er zu einem der Zeichner, die das deutsche MAD mit eigenen Beiträgen über Filme, Fernsehen und Popkultur versorgten.
„Die Lache der Sith“
Sein bekanntester Einblick in die MAD-Arbeit trägt den Titel:
„Making of MAD – Die Lache der Sith“
Der Bericht erschien am 30. März 2005 bei Star Wars Union.
Gehrmann beschreibt darin die Entstehung seiner Beiträge für das Star-Wars-Sonderheft „Epis-öde 3 – Die Lache der Sith“.
Das Besondere daran: Er zeigt nicht nur fertige Zeichnungen, sondern erklärt auch, wie aus einer Idee überhaupt ein MAD-Comic wird.
Und dabei wird schnell klar, dass hinter dem scheinbar mühelosen Blödsinn ziemlich viel Arbeit steckt.
Erst die Idee, dann der Strich
Gehrmann sammelte für seine Star-Wars-Parodie zunächst Bildmaterial und Informationen über den kommenden Film.
Dabei ging es ihm nicht darum, möglichst viele Insider-Witze unterzubringen. Die Gags sollten auch für Leser funktionieren, die nicht jedes Detail der Vorlage kannten.
Anschließend entstanden grobe Skizzen und ein vorläufiges Seitenlayout. Die Redaktion konnte so beurteilen, ob die Ideen funktionierten.
Wenn ein Gag nicht überzeugte, wurde er ersetzt.
Wenn die Grundidee nicht funktionierte, musste eben eine neue her.
Das klingt wenig romantisch, ist aber vermutlich eine ziemlich gute Beschreibung professioneller Cartoonarbeit.
Der eigene „Knollennasenstil“
Besonders interessant ist Gehrmanns Erklärung, wie er bekannte Schauspieler und Filmfiguren in seinen eigenen Stil überträgt.
Er spricht selbst von seinem „Knollennasenstil“.
Das Problem: Eine Figur soll einerseits erkennbar bleiben, andererseits aber in das eigene Comicuniversum passen.
Gehrmann beschreibt dafür einen schrittweisen Prozess. Ausgehend von einer realistischeren Darstellung verändert er die Figur nach und nach, bis sie als Cartoon funktioniert.
Gerade bei Star Wars war das wichtig.
Ein karikierter Obi-Wan sollte schließlich immer noch Obi-Wan sein.
Und ein Yoda, der plötzlich wie irgendein beliebiger MAD-Gnom aussieht, wäre auch nicht unbedingt hilfreich.
Parodieren, was man mag
Ein besonders schöner Gedanke aus seinem Werkstattbericht ist Gehrmanns Verhältnis zu den Vorlagen.
Er erklärte, dass ihm Parodien besonders dann Spaß machen, wenn er das Original selbst schätzt.
Das ist eine interessante Antwort auf die Frage, ob MAD seine Themen eigentlich hasst.
Nicht unbedingt.
Oft funktioniert eine gute Parodie gerade deshalb, weil der Künstler die Vorlage genau kennt und versteht, was sie ausmacht.
Dann kann er ihre Eigenheiten übertreiben, ihre Schwächen sichtbar machen und trotzdem den Charakter des Originals bewahren.
Klaus Gehrmann Baeckmann – KGB
In Comicquellen erscheint der Künstler auch unter dem Namen Klaus Gehrmann Baeckmann, kurz KGB.
Ein Autorenprofil aus dem Jahr 2013 beschreibt ihn als Zeichner humoristischer Comics und berichtet, dass er bereits seit seinem 14. Lebensjahr Comics schreibt und zeichnet.
Damals arbeitete er nicht nur für MAD, sondern begann auch, als Szenarist für Science-Fiction-Comics tätig zu werden.
Sein Autorendebüt „Der Orden der Sünde“ entstand gemeinsam mit dem Zeichner Sebastian Dietz.
Damit zeigt sich, dass Gehrmann nicht ausschließlich als Cartoonist arbeitet, sondern auch längere Geschichten entwickeln kann.
MAD bis in die späten 2010er-Jahre
Seine Mitarbeit lässt sich auch viele Jahre nach dem Star-Wars-Sonderheft noch nachweisen.
In MAD Nr. 164 finden sich beispielsweise die Beiträge „Weitere Belanglosigkeiten aus Mittelerde“ und „Real-Life-Controller“.
Auch MAD Nr. 179 vom Juni 2017 enthält Arbeiten von ihm.
Dort ist Gehrmann unter anderem als Autor und Zeichner von „Szenen aus der MAD Redaktion“ sowie der Parodie:
„Wenn Ich, einfach unverbesserlich 3 unter der Regie von Quentin Tarantino entstanden wäre!“
aufgeführt.
Allein dieser Titel ist schon eine ziemlich gute MAD-Idee.
Von Cartoons zu Graphic Recording
Heute arbeitet Klaus Gehrmann weiterhin als Zeichner, allerdings nicht nur für Comics.
Auf seiner eigenen Website beschreibt er seine Tätigkeit als Graphic Recorder. Dabei werden Vorträge, Diskussionen oder Workshops live in Zeichnungen und visuellen Zusammenfassungen festgehalten.
Seit 2013 ist er in diesem Bereich tätig; seit 2023 bietet er zusätzlich Karikaturen als Schnellzeichner an.
Auch Erklärfilme und Illustrationen für Ratgeber gehören zu seinem beruflichen Spektrum.
Der Weg vom MAD-Cartoon zum Graphic Recording ist dabei gar nicht so ungewöhnlich.
In beiden Fällen muss man eine Idee verstehen, auf das Wesentliche reduzieren und anschließend so darstellen, dass andere sie sofort erfassen.
Nur dass beim Graphic Recording vermutlich etwas seltener jemand mit einer übergroßen Nase explodiert.
Ein wichtiger Name der deutschen MAD-Ära
Klaus Gehrmann gehört zu jener Generation deutscher Zeichner, die MAD nach dem Neustart von 1998 mit eigenen Inhalten versorgten.
Seine Beiträge zeigen, dass die deutsche Ausgabe auch in der Dino-/Panini-Zeit nicht bloß amerikanische Seiten übersetzte.
Es entstanden eigene Parodien, eigene Gags und eigene zeichnerische Handschriften.
Besonders wertvoll ist dabei sein Werkstattbericht von 2005.
Denn er erinnert uns daran, dass hinter einer guten MAD-Seite nicht einfach nur ein verrückter Einfall steckt.
Sondern Recherche.
Skizzen.
Überarbeitung.
Und manchmal die Entscheidung, einen Gag wegzuwerfen und einen besseren zu schreiben.
Der fertige Comic soll mühelos aussehen.
Die Arbeit dahinter muss es nicht sein.
