Das MAD-Cover, das nach dem 11. September 2001 nicht mehr erscheinen konnte

CHRONIK

Alfred E. Neumann

9/11/20267 min read

MAD lebte jahrzehntelang davon, schlechten Geschmack im genau richtigen Moment zu beweisen. Politiker wurden verspottet, Katastrophen des Alltags zu Gags verarbeitet und praktisch nichts war vor Alfred E. Neumanns unbekümmertem Grinsen sicher.

Doch im September 2001 gab es einen Moment, in dem selbst die MAD-Redaktion feststellte:

Dieser Witz kann so nicht mehr erscheinen.

Dabei war das betreffende Cover bereits gedruckt.

Es sollte die Titelseite von MAD Nr. 411 werden und zeigte Alfred E. Neuman beim New York City Marathon. Dann kamen die Terroranschläge vom 11. September 2001 – und aus einem harmlosen MAD-Gag wurde innerhalb weniger Stunden ein Bild, das plötzlich völlig anders wirkte.

Die Geschichte gehört zu den außergewöhnlichsten Episoden der MAD-Coverhistorie.

Ein ganz normaler MAD-Gag

Für die November-Ausgabe 2001 hatte der langjährige MAD-Zeichner John Caldwell ein Cover zum bevorstehenden New York City Marathon entworfen.

Die Idee war typisch MAD.

Im Hintergrund läuft eine große Gruppe Marathonläufer durch die Straßen New Yorks. Im Vordergrund befindet sich allerdings ein abgesperrter Tatort. Ein Detective zeichnet gerade die Konturen einer Leiche auf den Asphalt.

Und Alfred?

Der rennt fröhlich mitten hindurch.

Er trägt Startnummer und Laufkleidung und hält das gelbe Absperrband des Tatortes offenbar für das Zielband des Marathons. Mit ausgestreckten Armen springt er über die am Boden liegende Leiche.

Über dem MAD-Logo kündigten Texte den New York City Marathon und weitere Inhalte der Ausgabe an.

Ein makabrer Gag, zweifellos.

Aber für MAD im Jahr 2001 keineswegs außergewöhnlich.

Das Cover war fertiggestellt, vom Verlag freigegeben und schließlich beim Drucker Quad/Graphics in Wisconsin produziert worden. Die bedruckten Umschläge warteten bereits darauf, mit den Innenseiten von MAD Nr. 411 zusammengebunden zu werden.

Dann kam der 11. September.

Ein Bild verändert innerhalb eines Tages seine Bedeutung

Am Morgen des 11. September 2001 wurden vier Passagierflugzeuge von Terroristen entführt. Zwei Maschinen trafen die Türme des World Trade Centers in New York, ein weiteres Flugzeug das Pentagon. Ein viertes stürzte in Pennsylvania ab.

Fast 3.000 Menschen kamen ums Leben.

Die Bilder von Menschen, die durch die Straßen Manhattans liefen, von Polizeiabsperrungen und von Tod und Zerstörung gingen um die Welt.

Und irgendwo in einer Druckerei in Wisconsin lagen Tausende MAD-Cover, auf denen eine Menschenmenge durch New York rannte, während Alfred E. Neuman über eine Leiche sprang.

Zunächst hatte die MAD-Redaktion offenbar gar nicht realisiert, wie problematisch das inzwischen wirken konnte.

Im offiziellen MAD-Blog erinnerte sich die Redaktion zehn Jahre später daran, dass alle von den Anschlägen schockiert gewesen seien. Niemand habe sofort daran gedacht, dass der eigentlich harmlose Marathon-Gag nun vollkommen anders interpretiert werden könnte.

Den entscheidenden Hinweis gab ausgerechnet die Druckerei.

Der Anruf aus Wisconsin

Ein Mitarbeiter von Quad/Graphics rief die MAD-Redaktion an.

Sinngemäß lautete die Frage:

Seid ihr euch angesichts dessen, was gerade passiert ist, wirklich sicher, dass ihr dieses Cover veröffentlichen wollt?

Die Antwort war eindeutig.

Nein.

MAD-Mitarbeiter Tom Richmond schrieb später, dass die Redaktion damit völlig richtig gehandelt habe. Ein Bild von Menschen, die durch New York laufen, kombiniert mit Alfred, der über einen toten Körper springt, hätte unmittelbar nach den Anschlägen zwangsläufig einen völlig anderen Eindruck hinterlassen als ursprünglich beabsichtigt.

Das Problem war nur:

Die Ausgabe musste fertig werden.

Ein Tag für ein völlig neues Cover

Der Redaktion blieb nach eigenen Angaben nur ungefähr ein Tag, um ein Ersatzcover zu entwickeln, es fertigzustellen und zur Druckerei zu schicken, ohne den Erscheinungstermin der Ausgabe zu gefährden.

Diese Aufgabe übernahm die damalige Associate Art Director Nadina Simon.

Ihre Lösung war bemerkenswert einfach.

Statt hektisch ein neues aufwendiges Motiv zeichnen zu lassen, griff sie tief in die Geschichte von MAD zurück.

Sehr tief.

Bis ins Jahr 1956.

Zurück zu Alfreds berühmtestem Porträt

Simon verwendete das klassische Alfred-E.-Neuman-Porträt von Norman Mingo, das auf dem Cover der amerikanischen MAD Nr. 30 vom Dezember 1956 erschienen war.

Und genau dieses Heft hast du auf deinem ersten Bild gezeigt.

MAD Nr. 30 nimmt in der Geschichte des Magazins eine besondere Stellung ein. Alfreds Gesicht war zwar schon vorher bei MAD aufgetaucht, doch hier wurde er erstmals in jener von Norman Mingo gemalten Form groß und zentral als Maskottchen präsentiert, die anschließend zur maßgeblichen Darstellung Alfreds wurde. Auf dem Originalcover trat er sogar als Präsidentschaftskandidat auf:

„Write-in Candidate for President Alfred E. Neuman says: What—Me Worry?“

Norman Mingos Gemälde wurde zum visuellen Urbild des Alfred E. Neuman, den heute praktisch jeder MAD-Leser kennt.

45 Jahre später holte MAD genau diesen Alfred wieder hervor.

Aber diesmal wurde das Bild radikal beschnitten.

Nur Alfred – und eine winzige amerikanische Flagge

Das tatsächliche Cover von MAD Nr. 411 wirkt im Vergleich zu fast allen anderen MAD-Covern erstaunlich zurückhaltend.

Zu sehen ist fast ausschließlich Alfreds Gesicht.

Kein Gag.

Keine Filmparodie.

Keine Katastrophe.

Kein prominentes Opfer des MAD-Humors.

Nur Alfred.

Darüber das rote MAD-Logo.

Und dann findet man bei genauerem Hinsehen das entscheidende Detail:

In Alfreds berühmter Zahnlücke befindet sich eine kleine amerikanische Flagge.

Mehr brauchte es nicht.

MAD hatte damit praktisch das Gegenteil des ursprünglich geplanten Covers geschaffen.

Aus einer hektischen, makabren New-York-Szene wurde ein stilles Porträt. Aus einem offensichtlichen Gag wurde ein Bild, das seinen Humor bewusst zurücknahm.

Das offizielle MAD-Blog bezeichnete das Ergebnis später selbst als alles andere als ein typisches MAD-Cover – aber angesichts der damaligen Stimmung im Land habe es sich richtig angefühlt.

MAD Nr. 411 erschien im November 2001

Die fertige MAD Nr. 411 erschien im November 2001 zum Preis von 2,99 Dollar.

Als Cover-Künstlerin beziehungsweise für das Coverdesign wird Nadina Simon geführt; das verwendete Alfred-Porträt stammt von Norman Mingo.

Das Kuriose daran:

Im Heft selbst war das ursprünglich zum Cover passende Thema weiterhin enthalten.

Auf den Seiten 6 bis 11 erschien „Spectator's Fun Guide to the New York City Marathon“.

Das Cover war verschwunden – der Marathon im Heft jedoch nicht.

Ein schönes Beispiel dafür, wie knapp die Entscheidung offenbar gefallen war. Für eine komplette Umarbeitung der Ausgabe war es schlicht zu spät.

Und was geschah mit den bereits gedruckten Covern?

Für Sammler wird die Geschichte an dieser Stelle besonders spannend.

Das ursprüngliche John-Caldwell-Cover war schließlich nicht nur als Entwurf vorhanden.

Es war bereits gedruckt worden.

Nach der Entscheidung für das neue Cover sollten die alten Druckbogen vernichtet werden.

Doch offenbar überlebten einige.

Tom Richmond berichtete 2011, dass er einige Zeit nach Erscheinen von MAD Nr. 411 bei eBay unbeschnittene und ungebundene Exemplare des ursprünglichen Marathon-Covers entdeckte.

Seiner Vermutung nach hatte jemand aus der Druckerei die Blätter an sich genommen, bevor der Rest vernichtet wurde.

Richmond informierte MAD. Die Angebote verschwanden anschließend wieder. Was genau danach mit diesen Exemplaren geschah, wusste auch er nicht.

Doch die Geschichte wird noch besser.

Eine ganze Kiste überlebte – vorübergehend

Unter dem offiziellen MAD-Beitrag von 2011 meldete sich der damalige MAD-Chefredakteur John Ficarra selbst zu Wort und ergänzte ein bemerkenswertes Detail.

Nach seiner Darstellung wurden beim Drucker alle bis auf eine Kiste der zurückgezogenen Cover vernichtet.

Diese eine Kiste gelangte ins MAD-Archiv beziehungsweise in den Lagerbestand der Redaktion.

Damit hätte man heute vermutlich einen Schatz für MAD-Sammler.

Doch Jahre später zog MAD innerhalb der Büros von DC Comics um.

Und dabei geschah genau das, was in einem Unternehmen eigentlich niemals mit seltenem historischem Material passieren sollte:

Die Kiste wurde versehentlich weggeworfen.

Ficarra schrieb deshalb bereits 2011, dass nur sehr wenige Exemplare des Caldwell-Covers existieren dürften.

Wie viele tatsächlich überlebt haben, ist bis heute nicht eindeutig geklärt.

Für MAD-Sammler macht gerade das dieses Cover außerordentlich interessant.

Zwei Cover derselben Ausgabe – aber nur eines kam in den Handel

Das Marathonmotiv ist nicht etwa eine alternative Verkaufsfassung oder eine seltene regionale Edition.

Es ist das zurückgezogene Originalcover, das regulär niemals auf MAD Nr. 411 gebunden werden sollte.

Das andere Bild – Alfreds Gesicht mit der winzigen US-Flagge in der Zahnlücke – ist die tatsächlich veröffentlichte Ausgabe.

Damit existieren zu MAD Nr. 411 gewissermaßen zwei Titelbilder:

Das Cover, das erscheinen sollte.

Und:

Das Cover, das nach dem 11. September erscheinen konnte.

Ein Bild aus dem Jahr 1956 bekommt 2001 eine völlig neue Bedeutung

Vielleicht ist dies das Faszinierendste an der Geschichte.

Norman Mingo malte Alfreds berühmtes Gesicht 1956.

Damals sollte Alfred als völlig ungeeigneter Präsidentschaftskandidat auftreten. Neben ihm waren der republikanische Elefant und der demokratische Esel abgebildet, während Alfred wie immer unbekümmert lächelte.

45 Jahre später wurde dasselbe Gesicht für eine der ernstesten Situationen in der gesamten Geschichte von MAD verwendet.

Die politische Satire verschwand.

Der Hintergrund verschwand.

„What – Me Worry?“ verschwand.

Übrig blieb nur Alfreds Gesicht.

Und in seiner Zahnlücke die amerikanische Flagge.

Ein einziges winziges Detail verwandelte eine jahrzehntealte Illustration in eine Reaktion auf einen historischen Einschnitt.

Wenn selbst MAD keinen Witz macht

MAD hatte nie den Ruf, besonders ehrfürchtig zu sein.

Das Magazin lebte davon, Grenzen zu überschreiten, schlechte Manieren zu kultivieren und praktisch jede Person des öffentlichen Lebens dem Spott auszusetzen.

Gerade deshalb ist MAD Nr. 411 so bemerkenswert.

Die Redaktion entschied nicht, den ursprünglichen Gag zu veröffentlichen und anschließend zu erklären, dass er bereits vor den Anschlägen entstanden sei.

Sie entschied sich auch nicht für einen neuen Witz über die Ereignisse.

Stattdessen tat MAD etwas, das für das „verrückteste Magazin der Welt“ beinahe ungewöhnlicher war als jeder Tabubruch:

MAD wurde für einen Moment still.

Und ausgerechnet Alfred E. Neuman, der Mann, dessen Lebensmotto seit Jahrzehnten „What – Me Worry?“ lautet, wurde zum Gesicht dieses Moments.

25 Jahre später gehört das Cover von MAD Nr. 411 deshalb nicht nur zu den ungewöhnlichsten Titelbildern des Magazins.

Es erinnert daran, dass manchmal sogar MAD wusste, wann ein Witz nicht mehr lustig war.