Kevin Pope – zwei Idioten und ein guter Rat, den niemand befolgen sollte
LEXIKON
Alfred E. Neumann
9/12/20263 min read


MAD hatte schon immer eine besondere Vorliebe für Ratgeber. Schließlich gibt es kaum etwas Komischeres als Menschen, die anderen erklären, wie das Leben funktioniert – und dabei selbst vollkommen versagen.
Für genau diese Art von Humor war Kevin Pope wie geschaffen.
Der amerikanische Cartoonist und Illustrator wurde vor allem durch seine MAD-Serie „Melvin & Jenkins“ bekannt. Gemeinsam mit Autor Desmond Devlin verwandelte er alltägliche Situationen in kleine Katastrophen voller schlechter Entscheidungen.
Von Indiana in die Cartoonwelt
Kevin Pope wurde 1958 in Carmel, Indiana, geboren. Er studierte Kunst an der Indiana University und schloss sein Studium 1981 ab.
Seine ersten beruflichen Schritte führten ihn nach Chicago. Dort arbeitete er unter anderem für Playboy und die Chicago Tribune. Besonders erfolgreich wurde sein eigener Ein-Bild-Cartoon „Inside Out“, der über mehrere Jahre an zahlreiche amerikanische Zeitungen vertrieben wurde.
Schon damals zeigte sich Popes besondere Stärke: Er konnte mit wenigen Figuren und einer ungewöhnlichen Idee eine ganze Geschichte erzählen.
1997: Melvin & Jenkins erobern MAD
Sein erster dokumentierter MAD-Beitrag erschien in MAD Nr. 356 vom April 1997.
Der Titel:
„Melvin & Jenkins’ Guide to Personal Fitness“
Den Text schrieb Desmond Devlin, Kevin Pope lieferte die Zeichnungen.
Damit begann eine der wiedererkennbarsten Serien des späteren amerikanischen MAD.
Melvin und Jenkins sind zwei Männer, die sich durch die verschiedensten Lebenssituationen kämpfen – allerdings selten besonders erfolgreich.
Fitness?
Schwierig.
Reisen?
Noch schwieriger.
Haustiere?
Eine Katastrophe wartet bereits.
Ratgeber für Menschen, die besser keine Ratgeber schreiben sollten
Schon in den folgenden Ausgaben ging es weiter.
MAD Nr. 357 brachte den „Guide to World Travel“, Nr. 359 den „Guide to Pet Ownership“ und Nr. 361 den „Guide to Higher Education“.
Später folgten zahlreiche weitere Themen: Dating, Geld, Sport, Technik, Essen und andere Herausforderungen des modernen Lebens.
Die Grundidee war immer ähnlich.
Melvin und Jenkins zeigen, wie man sich verhalten könnte.
Und der Leser erkennt ziemlich schnell, dass er es besser nicht genauso machen sollte.
Gerade die Kombination aus Devlins Texten und Popes ausdrucksstarken Figuren machte diese Beiträge so erfolgreich. Die Charaktere wirken oft schon durch ihre Haltung, ihre Gesichter und ihre Körpersprache komisch, bevor man überhaupt die Pointe gelesen hat.
Ein Stil zwischen Cartoon und Illustration
Kevin Pope besitzt einen sehr eigenständigen Zeichenstil.
Seine Figuren sind grotesk, aber nicht einfach nur wild überzeichnet. Sie haben ungewöhnliche Körperformen, expressive Gesichter und eine fast plastische Wirkung.
Pope erklärte einmal, dass sein Humor häufig aus Wortspielen und überraschenden Veränderungen vertrauter Bilder entstehe.
Genau das erkennt man auch bei Melvin & Jenkins.
Eine gewöhnliche Alltagssituation wird genommen, ein kleines Stück verschoben – und plötzlich ist sie vollkommen absurd.
Werbung, Fernsehen und Kinderbücher
Außerhalb von MAD arbeitete Pope ebenfalls sehr erfolgreich.
Er entwickelte Charaktere für Pepsi-Werbespots und war als Art Director an der NBC-Animationsserie „Sammy“ beteiligt.
Außerdem illustrierte er zahlreiche Bücher und veröffentlichte eigene Cartoonbände, darunter „The Day Gravity Was Turned Off in Topeka“ und „The Dance of the Seven Veals“.
Mit „Fishstiks“ entwickelte er zudem eine eigene Reihe humoristischer Cartoons über die Geschäftswelt.
Auch dort gilt:
Je ernster sich die Menschen nehmen, desto besser funktioniert der Witz.
Vom Cartoon zur freien Kunst
In späteren Jahren wandte sich Pope verstärkt der Malerei und Mixed-Media-Kunst zu.
Er gestaltet unter anderem kleine Szenen eines imaginären Amerikas der 1930er-Jahre: Bahnhöfe, Jazzmusiker, Bauernhöfe und andere Momentaufnahmen einer vergangenen Zeit.
Dabei verwendet er Acrylfarben, Fundstücke und ungewöhnliche Bildträger wie alte Schreibwaren oder Holzplatten.
Der Humor verschwindet dabei nicht.
Er wird nur etwas leiser.
Pope selbst beschrieb sein Ziel sinngemäß so: Seine Bilder sollen weiterhin Geschichten erzählen – mit einem kleinen Augenzwinkern.
Kevin Pope und die „Usual Gang of Idiots“
Kevin Pope gehört nicht zur klassischen MAD-Generation von Harvey Kurtzman, Jack Davis oder Don Martin.
Er steht für eine spätere Phase des Magazins, in der neue Künstler eigene Figuren, neue Themen und neue Formen des Humors einbrachten.
Mit Melvin & Jenkins schuf er gemeinsam mit Desmond Devlin eine Serie, die über viele Jahre immer wieder im amerikanischen MAD auftauchte.
Und vielleicht liegt genau darin ihr Erfolgsgeheimnis:
Die beiden Figuren müssen gar nicht besonders außergewöhnlich sein.
Sie müssen nur versuchen, etwas ganz Normales zu tun.
Der Rest geht dann meistens von selbst schief.
