John Caldwell – der Meister des absurden Augenblicks

LEXIKON

Alfred E. Neumann

9/10/20263 min read

Manche MAD-Zeichner brauchten eine ganze Seite, um eine Pointe vorzubereiten. John Caldwell schaffte das oft mit nur einem einzigen Bild.

Ein paar Figuren, eine alltägliche Situation – und plötzlich passiert etwas, das eigentlich vollkommen unmöglich ist. Genau darin lag seine Stärke: Caldwell nahm die normale Welt und verschob sie ein kleines Stück ins Absurde.

Vom Kartenzeichnen zu MAD

John F. Caldwell wurde am 23. März 1946 in Cohoes, New York, geboren. Er studierte am Hudson Valley Community College und an der Parsons School of Design. Bevor er professionell Cartoons zeichnete, arbeitete er unter anderem als Kartograf für den Staat New York.

Doch Landkarten waren auf Dauer offenbar nicht das, was er zeichnen wollte.

Caldwell begann, Gag-Cartoons bei Magazinen einzureichen. Nach zahlreichen Absagen gelang ihm schließlich der erste Verkauf. Später erschienen seine Arbeiten auch im National Lampoon.

Dort wurde Nick Meglin, einer der MAD-Redakteure, auf ihn aufmerksam.

1978: Der erste MAD-Beitrag

Sein erster dokumentierter MAD-Beitrag erschien in MAD Nr. 202 vom Oktober 1978:

„A MAD Look at Some Unfinished Sentences“

Die Zeichnungen stammten von Bob Clarke, Caldwell lieferte den Text.

Damit begann eine lange Verbindung zum Magazin. Zunächst erschienen seine Beiträge noch unregelmäßig, doch ab den 1980er-Jahren wurde er zunehmend zu einem festen Bestandteil der „Usual Gang of Idiots“.

Besonders bekannt wurden seine kurzen Cartoons der Reihe:

„Drama on Page …“

Der Titel versprach großes Drama.

Meistens bekam man stattdessen einen kleinen, vollkommen absurden Augenblick.

Ein ganz eigener Humor

Caldwells Zeichnungen waren nicht so überladen wie die von Jack Davis und nicht so grotesk wie die von Don Martin.

Seine Stärke lag in der klaren, überraschenden Idee.

Ein Alltagsgegenstand bekam plötzlich eine völlig neue Funktion. Eine gewöhnliche Situation wurde durch eine einzige absurde Wendung auf den Kopf gestellt. Und manchmal genügte eine kleine Veränderung, um aus etwas Vertrautem einen vollkommen unsinnigen Cartoon zu machen.

MAD-Chefredakteur John Ficarra erinnerte sich später besonders an Caldwells schrägen Humor, seine ungewöhnlichen Figuren und seine Fähigkeit, selbst alltägliche Dinge auf eine eigenwillige Weise darzustellen.

„Gross and Beyond Gross“

Eine seiner bekanntesten MAD-Arbeiten war die Reihe:

„Gross and Beyond Gross“

Das Prinzip war einfach: Zunächst wurde etwas Ekliges gezeigt – und anschließend eine noch schlimmere Steigerung.

Caldwell selbst erklärte 1991 in einem Interview, dass diese Cartoons sogar für seine eigenen Verhältnisse besonders albern seien.

Genau das machte sie natürlich ziemlich MAD.

Das MAD-Cover, das nie erscheinen sollte

Für Sammler besonders interessant ist die Geschichte von MAD Nr. 411 aus dem Jahr 2001.

Caldwell hatte ein Titelbild gezeichnet, auf dem Alfred E. Neumann beim New-York-Marathon versehentlich in eine Mordszene läuft und durch ein Polizeiabsperrband rennt.

Das Cover war bereits für den Druck vorbereitet.

Dann geschahen die Anschläge vom 11. September 2001.

Die MAD-Redaktion entschied, dass das Motiv mit einer Menschenmenge in New York und einer Leiche auf der Straße unter diesen Umständen nicht mehr passend war. Das Cover wurde kurzfristig ersetzt.

Die veröffentlichte Ausgabe zeigte stattdessen Alfred E. Neumann mit einer kleinen amerikanischen Flagge in seiner Zahnlücke.

Das ursprüngliche Caldwell-Cover blieb unveröffentlicht – und wurde später zu einem besonders interessanten Stück MAD-Geschichte.

Weit über MAD hinaus

Caldwell arbeitete nicht nur für MAD.

Seine Cartoons erschienen unter anderem in The New Yorker, Playboy, The Wall Street Journal, Reader’s Digest, National Lampoon und Harvard Business Review.

Außerdem veröffentlichte er mehrere eigene Cartoonbücher, darunter:

„Running A Muck“, „Mug Shots“, „The Book of Ultimates“ und „Fax This Book“.

Von 1986 bis 1989 wurde sein eigener Cartoonstrip „Caldwell“ zudem an zahlreiche amerikanische Zeitungen vertrieben.

Ein Leben für die Pointe

John Caldwell starb am 21. Februar 2016 im Alter von 69 Jahren.

Bis kurz vor seinem Tod arbeitete er weiter an seinen Cartoons. Seine Kollegen beschrieben ihn als außergewöhnlich produktiven Künstler, dessen Humor immer ein wenig neben der normalen Wirklichkeit lag.

Und vielleicht ist das die beste Beschreibung seiner MAD-Arbeit:

John Caldwell musste die Welt nicht völlig verändern.

Er musste nur eine Kleinigkeit falsch machen – und plötzlich war sie komisch.