Jeff Kruse – einer der fleißigen Federn hinter MAD

LEXIKON

Alfred E. Neumann

9/7/20263 min read

Bei MAD kennt man die großen Zeichner. Doch bevor eine Karikatur entstehen konnte, musste häufig erst jemand die entscheidende Frage stellen:

Was wäre, wenn man diese völlig normale Sache einmal vollkommen falsch betrachtet?

Genau das war die Arbeit von Jeff Kruse.

Der amerikanische Humorautor gehörte über mehr als zwei Jahrzehnte zu den regelmäßigen Mitarbeitern von MAD. Er schrieb über Werbung, Sport, Politik, Technik und Popkultur – und lieferte damit zahlreiche Ideen, die andere Künstler anschließend in Bilder verwandelten.

1997: Der Einstieg mit Windows 95

Kruses erster dokumentierter MAD-Beitrag erschien in MAD Nr. 363 vom November 1997.

Der Titel lautete:

„MAD’s Little Known Windows 95 ‘Tips of the Day’“

Die Zeichnungen stammten von Gerry Gersten.

Windows 95 war damals auf Millionen Computern installiert, und seine kleinen Hilfetexte sollten den Nutzern das Leben erleichtern. MAD machte daraus natürlich eine Gelegenheit, sich über Computer und ihre Benutzer lustig zu machen.

Es war ein typischer Einstieg für einen Autor, der später immer wieder alltägliche Dinge in absurde Satire verwandelte.

Werbung, Sport und der ganz normale Wahnsinn

Schon in den folgenden Ausgaben zeigte sich, wie vielseitig Kruse schreiben konnte.

Er verfasste unter anderem „Playboy Newsstand Spectacles“, „Approaches to Avoid When Your Child’s Pet Dies“ und eine Parodie auf eine nordamerikanische Fußballliga.

Später folgten Beiträge wie „Jalopy Shopper – Your Totaled Transportation Tabloid“, „The Female Basketball Association 1999 Preview“ und „Magic 8-Ball Answers for the New Millennium“.

Das klingt nach einer ziemlich wilden Mischung.

Aber genau darin lag seine Stärke.

Kruse brauchte kein einzelnes Spezialgebiet. Eine Werbung, eine Sportmeldung, ein technisches Gerät oder ein gesellschaftlicher Trend konnten gleichermaßen zum Ausgangspunkt eines MAD-Gags werden.

Wenn Autoren und Zeichner zusammenarbeiten

Kruse arbeitete im Laufe seiner MAD-Zeit mit zahlreichen Künstlern zusammen.

Zu den Namen in seiner Bibliografie gehören Gerry Gersten, Tom Bunk, Paul Coker Jr., George Woodbridge, Irving Schild, Bob Staake, Drew Friedman, Anton Emdin und Tom Richmond.

Gerade diese Zusammenarbeit zeigt, wie MAD funktionierte.

Der Autor entwickelte die Idee und den Text.

Der Zeichner gab dem Ganzen ein Gesicht.

Und wenn beides zusammenpasste, entstand eine Pointe, die weder als reiner Text noch als bloßes Bild dieselbe Wirkung gehabt hätte.

Von Windows 95 bis Obama

Besonders interessant ist die enorme Zeitspanne seiner Arbeit.

1997 schrieb Kruse über Windows 95.

Fast zwanzig Jahre später beschäftigte er sich mit dem Ende der Präsidentschaft von Barack Obama.

Gemeinsam mit Kenny Keil verfasste er:

„The Last 100 Days of the Obama Presidency“

Der Beitrag erschien in MAD Nr. 542 vom Dezember 2016 und wurde von Tom Richmond illustriert.

Richmond erinnerte sich später daran, dass Kruse sowohl längere Artikel als auch zahlreiche kurze Beiträge für die Fundalini Pages schrieb.

Damit gehörte er zu den Autoren, die MAD über viele Jahre mit immer neuen Ideen versorgten – auch wenn ihr Name auf dem Titelbild natürlich nicht so sichtbar war wie der des Zeichners.

Auch Trump bekam sein Fett weg

2017 beschäftigte sich Kruse erneut mit amerikanischer Politik.

Für MAD schrieb er einen Beitrag, der Donald Trump mit früheren amerikanischen Präsidenten verglich. Die Washington Post stellte die Arbeit damals vor und sprach mit Kruse über die Schwierigkeit, bei einem Politiker, über den bereits unzählige Witze gemacht worden waren, noch neue Pointen zu finden.

Kruses Ansatz war, nicht einfach dieselben Trump-Witze zu wiederholen, sondern einen anderen Blickwinkel zu suchen.

Auch das ist eigentlich eine gute Beschreibung seiner Arbeit:

Nicht nur fragen, worüber alle lachen – sondern überlegen, was daran noch niemand bemerkt hat.

Mehr als zwanzig Jahre MAD

Kruses Beiträge reichen bis in die letzten New Yorker MAD-Ausgaben von 2018.

In MAD Nr. 549 schrieb er beispielsweise „A Breakdown of Trump’s 30 Million Twitter Followers“, illustriert von Bob Staake.

In MAD Nr. 550 folgten unter anderem „Slogans for Toys You Shouldn’t Buy“ und „Worst-Selling National Geographic Books“.

Auch in späteren MAD-Ausgaben wurden Arbeiten von ihm erneut veröffentlicht.

Damit gehört Jeff Kruse zu jenen Autoren, die das Magazin über einen langen Zeitraum begleiteten, ohne selbst zu den bekanntesten Gesichtern der „Usual Gang of Idiots“ zu gehören.

Der Mann hinter der Pointe

Jeff Kruse ist kein Künstler, dessen Stil man an einer bestimmten Nase, einem riesigen Fuß oder einer besonderen Schraffur erkennt.

Sein Werkzeug waren die Ideen.

Er nahm alltägliche Dinge und stellte sie in einen anderen Zusammenhang.

Er machte aus Werbung Satire.

Aus Sportmeldungen Unsinn.

Aus Technikproblemen Gags.

Und aus Politikern – nun ja, manchmal musste man dafür vermutlich gar nicht mehr besonders viel verändern.

Für unsere MAD-Reihe ist er deshalb eine schöne Ergänzung.

Denn die Geschichte des Magazins besteht nicht nur aus den Menschen, die den Wahnsinn zeichneten.

Sie besteht auch aus denen, die ihn sich ausdachten.