Jack Davis – der Mann, der MAD in Bewegung brachte
LEXIKON
Alfred E. Neumann
9/4/20264 min read


Wenn man ein altes MAD-Heft aufschlägt und plötzlich eine ganze Menschenmenge mit riesigen Füßen, dünnen Beinen und wild verzerrten Gesichtern entdeckt, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass Jack Davis seine Finger im Spiel hatte.
Davis gehörte zu den Gründungszeichnern von MAD und war einer jener Künstler, die dem Magazin von Anfang an sein unverwechselbares Aussehen gaben. Seine Zeichnungen waren laut, lebendig und voller Bewegung – selbst dann, wenn die Figuren eigentlich nur herumstanden.
Von Georgia zu EC Comics
Jack Davis wurde am 2. Dezember 1924 in Atlanta, Georgia, geboren. Schon als Kind zeichnete er begeistert. Nach dem Zweiten Weltkrieg studierte er an der University of Georgia und zog später nach New York, wo er seine künstlerische Ausbildung fortsetzte.
Der Anfang seiner Karriere war allerdings alles andere als einfach. Davis versuchte, als Zeichner Fuß zu fassen, und dachte zeitweise sogar daran, nach Georgia zurückzukehren.
Dann kam EC Comics.
Ab 1950 arbeitete er für den Verlag von William M. Gaines und zeichnete Geschichten für berühmte Horror- und Kriminalcomicreihen wie Tales from the Crypt und The Haunt of Fear. Auch Kriegscomics gehörten zu seinem Repertoire.
Gerade diese Vielseitigkeit sollte ihm später bei MAD zugutekommen.
Denn wer überzeugend Horror zeichnen kann, kann Horror auch besonders gut parodieren.
1952: Jack Davis ist von Anfang an dabei
Als Harvey Kurtzman 1952 das neue Satirecomic MAD entwickelte, gehörte Jack Davis sofort zum Künstlerteam.
Sein Beitrag in MAD Nr. 1 vom Oktober/November 1952 hieß:
„Hoohah!“
Die Geschichte war eine Parodie auf jene Horrorcomics, mit denen Davis zuvor selbst erfolgreich gewesen war.
Das ist eigentlich schon die perfekte MAD-Idee: Ein Zeichner macht sich über das Genre lustig, mit dem er sein Geld verdient.
In den folgenden Jahren zeichnete Davis zahlreiche weitere frühe MAD-Klassiker. Dazu gehörten unter anderem „Hah! Noon!“, eine Parodie auf den Western High Noon, und „Kane Keen! – Private Eye!“, eine Persiflage auf Detektivgeschichten.
Gemeinsam mit Künstlern wie Wally Wood, Will Elder und John Severin prägte er die ersten Jahre des Magazins entscheidend.
Riesige Füße und Gesichter voller Leben
Jack Davis hatte einen Stil, den man kaum verwechseln kann.
Seine Figuren besitzen häufig übergroße Köpfe, lange dünne Beine und gewaltige Füße. Ihre Gesichter können innerhalb eines einzigen Bildes von Freude zu Panik, Wut oder völliger Verzweiflung wechseln.
Besonders beeindruckend sind seine großen Gruppenszenen.
Wo andere Zeichner vielleicht fünf Personen untergebracht hätten, zeichnete Davis zwanzig – und jede einzelne schien gerade etwas Eigenes zu tun.
Seine Bilder wirken deshalb beinahe wie eingefrorene Filmszenen.
Man hat das Gefühl, dass im nächsten Moment jemand stolpert, schreit, umfällt oder von einem anderen Idioten über den Haufen gerannt wird.
Und natürlich passiert das meistens auch.
Der Meister der Menschenmassen
Davis war nicht nur für einzelne Karikaturen bekannt, sondern vor allem für seine Fähigkeit, ganze Szenen voller Figuren zu gestalten.
Diese Stärke machte ihn auch außerhalb von MAD zu einem gefragten Illustrator.
Er zeichnete für große amerikanische Magazine wie TIME und TV Guide, gestaltete Werbung, Schallplattenhüllen und zahlreiche Filmplakate.
Besonders bekannt wurde sein Plakat zum Film:
„It's a Mad, Mad, Mad, Mad World“
Der Titel klingt nicht nur zufällig nach MAD.
Das Plakat zeigt eine riesige Ansammlung grotesker Figuren und ist ein hervorragendes Beispiel für Davis' Fähigkeit, aus einer ganzen Menschenmenge eine einzige große Pointe zu machen.
Auch für Filme wie „Viva Max!“ und „Kelly's Heroes“ entstanden Arbeiten von ihm.
MAD, Cracked und die Rückkehr
Nach Harvey Kurtzmans Weggang 1956 verließ auch Davis MAD zunächst. Er arbeitete unter anderem für andere Humorprojekte und später auch für das Konkurrenzmagazin Cracked.
Doch seine Verbindung zu MAD war damit keineswegs beendet.
1965 kehrte er zurück und lieferte erneut zahlreiche Beiträge für das Magazin. Damit gehört er zu den Künstlern, die sowohl die ursprüngliche Kurtzman-Ära als auch die spätere Feldstein-Zeit mitprägten.
Nur wenige Zeichner konnten auf eine derart lange Verbindung zur Geschichte von MAD zurückblicken.
Ein Künstler für fast jedes Genre
Was Jack Davis besonders auszeichnete, war seine enorme Bandbreite.
Er konnte Horror zeichnen.
Er konnte Kriegsgeschichten zeichnen.
Er konnte Western, Krimis, Sportler, Politiker und Filmstars karikieren.
Und er konnte all diese Dinge anschließend wieder durch den Kakao ziehen.
Seine Zeichnungen waren dabei nie einfach nur „schön“. Sie besaßen eine Energie, die man sofort erkennt.
Ein Jack-Davis-Bild ist selten ruhig.
Selbst wenn niemand etwas sagt, scheint irgendwo bereits der nächste Unsinn zu beginnen.
Auszeichnungen und ein gewaltiges Lebenswerk
Für seine Arbeit erhielt Davis zahlreiche Ehrungen. 1996 wurde er mit dem Milton Caniff Lifetime Achievement Award ausgezeichnet, 2000 erhielt er den Reuben Award. 2003 wurde er außerdem in die Will Eisner Hall of Fame aufgenommen.
Wie umfangreich sein Werk war, zeigt die Sammlung der University of Georgia: Dort werden mehr als 2.000 Kunstwerke von Jack Davis aufbewahrt – darunter Skizzen, Entwürfe und fertige Illustrationen für MAD, EC Comics und viele andere Auftraggeber.
Für Sammler ist das eine beeindruckende Vorstellung.
Mehr als zweitausend Arbeiten eines Mannes, dessen Zeichnungen man schon an einem einzigen Fuß erkennen kann.
Ein Abschied von einem der Großen
Jack Davis starb am 27. Juli 2016 auf St. Simons Island in Georgia. Er wurde 91 Jahre alt.
Sein Einfluss auf MAD und die amerikanische Illustration ist bis heute sichtbar.
Er gehörte zu jener ersten Generation, die gemeinsam mit Harvey Kurtzman ein völlig neues Satirecomic entwickelte. Später wurde er zu einem der bekanntesten Illustratoren Amerikas.
Doch für MAD-Fans bleibt er vor allem der Mann, der selbst die absurdeste Szene noch ein bisschen lebendiger machen konnte.
Don Martin ließ seine Figuren durch die Luft fliegen.
Sergio Aragonés versteckte seine Gags in den Rändern.
Jack Davis zeichnete gleich eine ganze Menschenmenge, die dabei zusah – und anschließend selbst umfiel.
Und genau deshalb gehört er zu den ganz großen Namen der „Usual Gang of Idiots“.
