Hermann Mejía – der MAD-Künstler zwischen Karikatur, Malerei und Skulptur
LEXIKON
Alfred E. Neumann
9/2/20264 min read


Bei manchen MAD-Zeichnern erkennt man sofort den klassischen Cartoonisten. Bei Hermann Mejía ist das schwieriger.
Denn Mejía ist weit mehr als nur Comiczeichner.
Er ist Illustrator, Karikaturist, Maler und Bildhauer – und genau diese Vielseitigkeit machte ihn zu einem der interessantesten MAD-Künstler der modernen Ära.
Von Caracas zur Kunst
Hermann Mejía wurde am 25. April 1973 in Caracas, Venezuela, geboren.
Schon als Jugendlicher zeichnete er intensiv. Mit 13 begann er Comics zu sammeln, mit 15 erhielt er bereits erste bezahlte Aufträge und malte unter anderem Werbegraffiti für Musiker in Caracas. Später studierte er Illustration und Malerei am Designinstitut seiner Heimatstadt.
Nach dem Studium arbeitete Mejía zunächst als freier Künstler und nahm an zahlreichen Ausstellungen in Venezuela teil.
1996 erhielt er sogar den Auftrag, eine Serie venezolanischer Briefmarken anlässlich eines Besuchs von Papst Johannes Paul II. zu gestalten.
Dass er nur ein Jahr später für MAD arbeiten würde, war damals vermutlich noch nicht abzusehen.
Ein Wettbewerb führt ihn nach New York
Der entscheidende Schritt seiner Karriere begann mit einem Wettbewerb für sequenzielle Kunst.
Mejía gewann den ersten Preis – verbunden mit einer Reise nach New York.
Dort lernte er den Künstler George Pratt kennen, der zu den Juroren gehört hatte. Pratt nahm ihn mit zu DC Comics.
Und dann ging alles ziemlich schnell.
Über DC kam Mejía mit Charlie Kochman in Kontakt, der damals auch mit MAD verbunden war. Kurz darauf erhielt Mejía seinen ersten Auftrag für das Magazin.
1997 beginnt seine MAD-Karriere
Sein erster dokumentierter MAD-Beitrag erschien in:
MAD Nr. 356 – April 1997
Der Titel lautete:
„PETArd’s Animal Rights Newsletter“
Geschrieben wurde der Beitrag von Chris Hart, die Illustrationen stammten von Hermann Mejía.
Damit begann eine langjährige Zusammenarbeit.
Bereits kurze Zeit später zeichnete Mejía Beiträge über die Spice Girls, David Letterman, Eddie Vedder, Tom Cruise, Al Gore, Chris Rock, Jerry Springer und Leonardo DiCaprio.
Prominente und ihre absurden Todesarten
Eine seiner bekanntesten frühen MAD-Arbeiten war die wiederkehrende Serie:
„MAD’s Celebrity Cause-of-Death Betting Odds“
Die Idee war typisch MAD.
Prominente wurden dargestellt, daneben erschienen möglichst absurde Wettquoten darauf, wie sie eines Tages sterben könnten.
Mejía zeichnete unter anderem David Letterman, Eddie Vedder, Tom Cruise, Al Gore, Chris Rock, Jerry Springer, Leonardo DiCaprio, Bill Gates, David Hasselhoff, John Travolta, Monica Lewinsky, Oprah Winfrey und viele weitere.
Tom Richmond erinnerte sich später besonders an diese Reihe und lobte Mejías Fähigkeit, groteske Karikaturen und plastisch wirkende Grabsteinmotive miteinander zu verbinden.
Zeichnen reicht ihm nicht
Genau hier unterscheidet sich Hermann Mejía von vielen anderen MAD-Künstlern.
Er arbeitet nicht nur mit Feder und Tusche.
Zu seinen Techniken gehören unter anderem:
Aquarell, Acrylmalerei, digitale Malerei und Skulptur.
Tom Richmond bezeichnete ihn deshalb ausdrücklich als einen außergewöhnlich vielseitigen Künstler.
MAD nutzte diese Vielseitigkeit.
Für den Beitrag „The Iraqi Quagmire Chess Set“ modellierte Mejía beispielsweise Figuren eines satirischen Schachspiels über den Irakkrieg. Die fertigen Skulpturen wurden anschließend fotografiert und im Magazin verwendet.
Wo andere zeichneten, baute Mejía die Pointe einfach dreidimensional.
Der Hulk bekommt sein eigenes Mejía-Cover
2003 bekam er eine besonders prominente Aufgabe.
Für MAD Nr. 431 erschienen zwei verschiedene Titelbilder zum damals aktuellen Hulk-Film.
Eines stammte von Mark Fredrickson.
Das andere von:
Hermann Mejía.
Sein Cover trug das Thema „MAD Gets the Hulk“ und wurde vollständig von ihm gemalt.
Dass MAD einem Künstler eine eigene Coverversion einer Ausgabe anvertraute, zeigt ziemlich deutlich, welchen Stellenwert Mejía inzwischen in der Redaktion erreicht hatte.
Von kleinen Gags zu großen Beiträgen
Seine MAD-Arbeit entwickelte sich schnell weiter.
Nach kurzen Karikaturen und Einseitern übernahm er zunehmend umfangreichere Beiträge und größere Themen.
So illustrierte er beispielsweise:
„MAD’s 50 Worst Things About Movies“
in MAD Nr. 432 von 2003 und ein Jahr später:
„MAD’s 50 Worst Things About Comedy“
Beide Beiträge wurden von Scott Maiko geschrieben.
Dazu kamen Film-, Fernseh- und Prominentensatiren sowie Beiträge zu Politik und Popkultur.
Mejía gehörte damit zu jener Generation von Künstlern, die MAD in den späten 1990er- und 2000er-Jahren visuell modernisierten.
Auszeichnung durch die National Cartoonists Society
Seine Arbeit blieb auch außerhalb von MAD nicht unbeachtet.
2003 erhielt Hermann Mejía einen Preis der National Cartoonists Society in der Kategorie „Magazine Feature“.
Die National Cartoonists Society gehört zu den wichtigsten Berufsverbänden amerikanischer Cartoonisten und vergibt ihre Auszeichnungen jährlich für herausragende Arbeiten in verschiedenen Bereichen des Cartoonings.
Für einen Künstler, der ursprünglich aus Caracas nach New York gekommen war, war das eine bemerkenswerte Anerkennung.
Parallel dazu: ernsthafte Kunst
Wer Mejía nur aus MAD kennt, könnte leicht übersehen, dass er parallel eine eigenständige Karriere als bildender Künstler aufgebaut hat.
Seine Gemälde und Skulpturen wurden sowohl in Südamerika als auch in den USA und Europa ausgestellt.
Seine freie Kunst zeigt Einflüsse von Künstlern wie Francis Bacon und Lucian Freud, aber auch von Surrealismus und Street Art.
Damit bewegen sich seine Werke häufig weit weg vom klassischen MAD-Humor.
Sie können düster, verstörend und teilweise fast surreal wirken.
Und genau das macht seine MAD-Arbeiten umso interessanter.
Denn dort übersetzt er dieselben zeichnerischen Fähigkeiten in Humor und Karikatur.
Ein venezolanischer Künstler wird Teil von MAD
In den ersten Jahren seiner MAD-Karriere lebte Mejía übrigens weiterhin in Venezuela und arbeitete von dort für die New Yorker Redaktion.
Erst 1999 zog er in die Vereinigten Staaten. Später arbeitete er in einem Studio im New Yorker Stadtteil Brooklyn.
Seine Laufbahn zeigt damit auch, wie international MAD längst geworden war.
Ein Künstler aus Caracas konnte für ein amerikanisches Satiremagazin arbeiten, Prominente aus Hollywood karikieren und gleichzeitig Gemälde und Skulpturen in Galerien ausstellen.
Hermann Mejía und die „Usual Gang of Idiots“
Hermann Mejía gehört nicht zur klassischen ersten MAD-Generation von Harvey Kurtzman, Jack Davis oder Wally Wood.
Auch nicht zur Feldstein-Ära von Mort Drucker, Don Martin und Al Jaffee.
Er gehört zu einer späteren Generation.
Aber gerade diese Generation bewies, dass MAD auch Jahrzehnte nach seiner Gründung immer noch Künstler finden konnte, die etwas Eigenes einbrachten.
Mejía brachte Malerei, Karikatur, Illustration und sogar Bildhauerei zusammen.
Seine MAD-Arbeiten konnten deshalb aussehen wie Cartoons, Gemälde – oder plötzlich wie ein dreidimensionales Schachspiel.
Und genau deshalb verdient Hermann Mejía seinen Platz in der langen Reihe der „Usual Gang of Idiots“:
Andere MAD-Künstler zeichneten den Wahnsinn.
Hermann Mejía konnte ihn notfalls auch modellieren.
