Harvey Kurtzman – der Mann, der MAD erfand
LEXIKON
Alfred E. Neumann
8/31/20267 min read


Wenn man einen einzigen Menschen nennen müsste, ohne den es MAD in der uns bekannten Form wahrscheinlich nie gegeben hätte, wäre die Antwort ziemlich eindeutig:
Harvey Kurtzman.
Er war Zeichner, Autor, Redakteur, Perfektionist und einer der einflussreichsten Satiriker der amerikanischen Comicgeschichte. Kurtzman schuf 1952 MAD und legte in nur wenigen Jahren praktisch die gesamte geistige DNA des Magazins fest: Parodien auf Filme und Comics, falsche Anzeigen, absurde Namen, versteckte Hintergrundgags und vor allem eine grundsätzliche Skepsis gegenüber Werbung, Medien, Politik und Popkultur.
Al Feldstein machte MAD später zu einem millionenfach verkauften Massenphänomen.
Doch Harvey Kurtzman erfand die Sprache, in der MAD sprach.
Ein Cartoonist aus Brooklyn
Harvey Kurtzman wurde am 3. Oktober 1924 in Brooklyn, New York, geboren. Schon als Kind zeichnete er ununterbrochen. Mit 14 Jahren gewann er einen Zeichenwettbewerb und besuchte später die berühmte High School of Music & Art in Manhattan.
Dort begegnete er einem Mann, der für seine spätere Karriere enorm wichtig werden sollte:
Will Elder.
Aus dem Schulfreund wurde Jahrzehnte später einer seiner wichtigsten künstlerischen Partner.
Bereits in den 1940er-Jahren arbeitete Kurtzman professionell als Cartoonist. Besonders interessant ist seine Serie „Hey Look!“, die zwischen 1946 und 1949 als kleine Füllseite in verschiedenen Comics des späteren Marvel-Verlags erschien.
Gerade weil diese Seiten als wenig wichtig galten, erhielt Kurtzman ungewöhnlich große Freiheit.
Und genau dort begann er zu experimentieren: mit Seitenaufbau, Timing, Figuren, visuellen Überraschungen und der Frage, wie weit man einen Comic eigentlich auseinandernehmen kann. Kurtzman bezeichnete Hey Look! später als eines seiner ersten Projekte, bei denen er nahezu vollständige kreative Kontrolle besaß.
Viele Ideen, die später MAD auszeichnen sollten, waren hier bereits angelegt.
Bevor MAD lustig wurde, war Kurtzman sehr ernst
Ende der 1940er-Jahre kam Kurtzman zu EC Comics, dem Verlag von William M. Gaines.
Dort übernahm er zwei Serien, die auf den ersten Blick kaum etwas mit MAD zu tun hatten:
„Two-Fisted Tales“
und
„Frontline Combat“
Es waren Kriegsgeschichten.
Aber Kurtzman wollte keine heroischen Abenteuer zeichnen, in denen unverwundbare Soldaten lächelnd in die Schlacht ziehen.
Er recherchierte ungewöhnlich gründlich, befragte Soldaten, studierte Waffen und Uniformen und versuchte, Krieg als chaotisch, grausam und menschlich darzustellen. Seine Arbeitsweise war für die damalige Comicindustrie fast absurd aufwendig.
Kurtzman entwickelte die Geschichten häufig bis ins kleinste Detail und fertigte genaue Layouts an, bevor Künstler wie Jack Davis, John Severin, Wally Wood, Will Elder, Russ Heath oder Alex Toth die endgültigen Zeichnungen ausführten.
Dieses Verfahren übertrug er später auf MAD.
Und das ist wichtig:
Kurtzman war bei MAD nicht einfach nur jemand, der ein paar Texte schrieb und Zeichnungen bestellte.
Er inszenierte die Beiträge.
1952: MAD wird geboren
1952 schlug William M. Gaines vor, zusätzlich zu den aufwendigen Kriegscomics eine humoristische Publikation zu produzieren.
Das Ergebnis hieß zunächst vollständig:
„Tales Calculated to Drive You MAD“
Im Oktober 1952 erschien die erste Ausgabe.
Kurtzman schrieb praktisch den gesamten Inhalt und arbeitete mit einigen der besten EC-Zeichner zusammen, darunter Wally Wood, Will Elder, Jack Davis und John Severin.
Zunächst parodierte MAD hauptsächlich andere Comicgenres.
Doch Kurtzman erkannte schnell, dass sich damit sehr viel mehr machen ließ.
Nicht nur Westerncomics konnten verspottet werden.
Sondern auch Fernsehen.
Filme.
Werbung.
Prominente.
Politik.
Konsum.
Und letztlich die gesamte amerikanische Gesellschaft.
„Superduperman“ verändert alles
Eine der entscheidenden frühen Geschichten erschien in MAD Nr. 4 von 1953.
Kurtzman schrieb eine Superman-Parodie namens:
„Superduperman“
Die Zeichnungen stammten von Wally Wood.
Superman, damals einer der größten amerikanischen Comicstars überhaupt, wurde darin nicht ehrfürchtig behandelt, sondern gnadenlos zerlegt.
Das war für damalige Leser etwas Neues.
MAD nahm bekannte Figuren nicht nur auf die Schippe. Kurtzman analysierte die Mechanismen hinter ihnen und zeigte, wie absurd viele ihrer Konventionen eigentlich waren.
Superduperman gilt deshalb als einer der großen Durchbrüche des jungen MAD.
Und genau hier entstand etwas, das MAD für Jahrzehnte begleiten sollte:
Man musste etwas lieben können, um es wirklich gut zu parodieren.
Kurtzmans perfektes Team
Drei Zeichner wurden für die frühen MAD-Jahre besonders wichtig:
Jack Davis
Wally Wood
und vor allem
Will Elder
Kurtzman lieferte oft äußerst genaue Layouts und Anweisungen. Die Zeichner setzten sie anschließend in ihren eigenen Stil um.
Will Elder entwickelte dabei eine Technik, die perfekt zu Kurtzmans Humor passte: Er füllte die Hintergründe mit winzigen zusätzlichen Gags, Schildern, Figuren und vollkommen überflüssigen Details.
Man konnte eine Seite deshalb mehrfach lesen und immer noch etwas Neues entdecken.
Genau diese Tradition wurde später zu einem Markenzeichen von MAD.
Aus dem Comic wird ein Magazin
Die ersten 23 MAD-Ausgaben erschienen noch als klassische farbige Comic-Hefte.
Doch Kurtzman wollte mehr.
1955 erhielt er ein lukratives Angebot des Magazins Pageant. Um ihn bei EC zu halten, erklärte sich William Gaines schließlich bereit, MAD in ein richtiges Magazin umzuwandeln.
Mit MAD Nr. 24 vom Juli 1955 begann deshalb eine neue Ära.
Größeres Format.
Schwarzweiß.
Mehr Seiten.
Mehr Texte.
Mehr Möglichkeiten.
Die Ausgabe verkaufte sich so gut, dass sie sogar nachgedruckt werden musste – damals eine ungewöhnliche Sache für ein Magazin.
Dabei hält sich bis heute eine Legende:
MAD sei zum Magazin geworden, um dem neu eingeführten Comics Code zu entkommen.
Das war zwar ein äußerst praktischer Nebeneffekt, aber laut William Gaines nicht der ursprüngliche Grund für die Umstellung. Hauptgrund war der Versuch, Kurtzman bei MAD zu halten.
Ironischerweise funktionierte das nur ungefähr ein Jahr.
Alfred E. Neumann taucht auf
Auch die berühmte Figur, die später Alfred E. Neumann heißen sollte, entwickelte sich während Kurtzmans Zeit bei MAD zu einem festen Bestandteil des Magazins.
Das grinsende Gesicht existierte in unterschiedlichen Formen schon lange vor MAD. Kurtzman und die EC-Künstler griffen es auf und integrierten es zunehmend in die Publikation.
Erst unter seinem Nachfolger Al Feldstein wurde daraus endgültig der Alfred E. Neumann, den wir heute kennen – einschließlich seines Namens und seiner Rolle als offizielles Maskottchen.
Aber auch hier wurden die Grundlagen bereits in Kurtzmans MAD gelegt.
Der große Bruch mit William Gaines
1956 kam es zum entscheidenden Konflikt.
Kurtzman wollte mehr Kontrolle über MAD und verlangte letztlich eine Beteiligung beziehungsweise Eigentumsrechte am Magazin.
William Gaines lehnte ab.
Kurtzman ging.
MAD Nr. 28 vom Juli 1956 war die letzte Ausgabe unter seiner Leitung. Anschließend übernahm Al Feldstein die Redaktion.
Rückblickend entstand damit eine der großen Ironien der Comicgeschichte:
Kurtzman erfand MAD.
Feldstein machte daraus eines der erfolgreichsten Humor-Magazine der Welt.
Unter Feldstein stieg die Auflage später auf mehr als zwei Millionen Exemplare.
Kurtzman selbst erreichte mit seinen späteren Magazinen nie wieder einen vergleichbaren kommerziellen Erfolg.
Trump – aber nicht der
Kurtzman musste allerdings nicht lange nach einer neuen Aufgabe suchen.
Hugh Hefner, der Herausgeber von Playboy, war ein großer Bewunderer seiner Arbeit.
Gemeinsam starteten sie 1957 ein hochwertiges Satiremagazin namens:
„Trump“
Nein – mit Donald Trump hatte das selbstverständlich nichts zu tun.
Das Magazin war aufwendig produziert und verfügte über ein beeindruckendes Künstlerteam.
Doch bereits nach zwei Ausgaben stellte Hefner das Projekt aus finanziellen Gründen ein.
Kurtzman gab nicht auf.
Humbug und Help!
Gemeinsam mit Künstlern wie Will Elder, Jack Davis und anderen gründete er anschließend:
„Humbug“
Das Magazin erschien 1957 und 1958, scheiterte jedoch ebenfalls wirtschaftlich.
1960 folgte Kurtzmans nächster großer Versuch:
„Help!“
Das Magazin erschien bis 1965 und wurde zu einem wichtigen Bindeglied zwischen der klassischen MAD-Generation und der späteren Underground-Comicszene.
Kurtzmans Einfluss auf spätere Cartoonisten war enorm.
Robert Crumb, Art Spiegelman und viele andere Künstler bezeichneten seine Arbeiten als wichtige Inspiration. Spiegelman beschrieb insbesondere Kurtzmans MAD als prägend für seine Vorstellung davon, was Comics überhaupt leisten können.
Auch Terry Gilliam, später Mitglied von Monty Python, gehörte zu den Künstlern, die stark von Kurtzman beeinflusst wurden.
Little Annie Fanny
Seine längste Zusammenarbeit entstand erneut mit Hugh Hefner.
1962 entwickelte Kurtzman gemeinsam mit Will Elder für Playboy:
„Little Annie Fanny“
Die Serie war eine aufwendig gemalte Satire auf Sexualität, Konsum, Prominenz und amerikanische Popkultur.
Sie erschien unglaubliche 26 Jahre lang – von 1962 bis 1988.
Auch hier erkennt man Kurtzmans Grundidee:
Die Oberfläche sieht attraktiv aus.
Doch darunter wird die Welt, die dargestellt wird, gleichzeitig gnadenlos verspottet.
Lehrer einer neuen Generation
Ab 1973 unterrichtete Kurtzman an der School of Visual Arts in New York.
Damit beeinflusste er nicht nur durch seine veröffentlichten Arbeiten eine neue Generation von Cartoonisten, sondern ganz direkt im Unterricht.
Zu seinen Schülern gehörte unter anderem Drew Friedman – über den wir hier gerade ebenfalls gesprochen haben.
Damit schließt sich für unsere MAD-Reihe ein schöner Kreis:
Der junge Drew Friedman bewunderte MAD.
Später lernte er persönlich bei dem Mann, der MAD erfunden hatte.
Und irgendwann arbeitete Friedman selbst für MAD.
Harvey Kurtzmans vielleicht größte Idee
Kurtzmans wichtigste Leistung war letztlich nicht eine einzelne Figur oder eine einzelne Parodie.
Es war eine Haltung.
Werbung erzählt dir nicht unbedingt die Wahrheit.
Hollywood erzählt dir nicht unbedingt die Wahrheit.
Politiker erzählen dir vermutlich auch nicht immer die Wahrheit.
Also:
Schau genauer hin.
Und wenn du die Mechanik hinter der Lüge erkennst, steckt darin möglicherweise bereits der Witz.
The Comics Journal beschrieb diesen Ansatz anlässlich von Kurtzmans 100. Geburtstag als einen Einfluss, der weit über Comics hinausreichte – bis hin zu späteren Formen amerikanischer Comedy wie Saturday Night Live und The Simpsons.
Der Vater von MAD
Harvey Kurtzman starb am 21. Februar 1993 im Alter von 68 Jahren.
Er hatte MAD zu diesem Zeitpunkt seit fast 37 Jahren nicht mehr geleitet.
Und trotzdem war sein Einfluss auf jeder einzelnen Ausgabe sichtbar.
Die Parodien.
Die falschen Anzeigen.
Die absurden Namen.
Die versteckten Gags.
Die Respektlosigkeit gegenüber Autoritäten.
Die Vorstellung, dass nichts zu wichtig, zu populär oder zu heilig ist, um darüber zu lachen.
All das begann bei Harvey Kurtzman.
Al Feldstein, Don Martin, Mort Drucker, Al Jaffee, Sergio Aragonés und viele andere machten MAD später größer, berühmter und langlebiger.
Aber bevor es die „Usual Gang of Idiots“ gab, musste jemand überhaupt erst die Idee haben, dass ein ganzes Magazin voller Idioten eine ziemlich gute Sache sein könnte.
Dieser jemand war:
Harvey Kurtzman.
