Hans Gamber – der Mann, der sogar MAD parodierte
LEXIKON
Alfred E. Neumann
8/30/20264 min read


MAD lebte davon, alles und jeden durch den Kakao zu ziehen. Doch was passiert, wenn plötzlich MAD selbst zum Ziel einer Parodie wird?
Genau hier kommt Hans Gamber ins Spiel.
Der deutsche Journalist, Autor und Verleger gehörte zu jenen Satirikern, denen offenbar kein bekanntes Magazin heilig war. Ende der 1980er-Jahre veröffentlichte er eine ganze Reihe täuschend echt gestalteter Zeitschriftenparodien. Eine davon nahm sich ausgerechnet das deutsche MAD vor.
Ihr Titel:
MÜD
Hans Gamber wurde am 4. August 1944 in Landstuhl geboren. Der gelernte Journalist arbeitete ab 1969 beim Heyne Verlag als Lektor für Kriminalromane. 1979 wechselte er zum Moewig Verlag und beschäftigte sich dort unter anderem mit humoristischer Literatur. Zeitweise war er außerdem Chefredakteur des Perry Rhodan Magazins.
Später arbeitete er als freier Autor. Gemeinsam mit Claus Cornelius Fischer schrieb er unter dem Sammelpseudonym Christopher Barr Kriminalromane und Thriller. Daneben verfasste Gamber Texte für die ARD-Comedyserie „Sketchup“, schrieb Literaturkolumnen für pardon und Playboy und war zeitweise Humor-Ressortleiter bei der Bunten.
Wenn der SPIEGEL zum „Dr. Spiegel“ wird
Seine besondere Spezialität entwickelte Gamber schließlich als Verleger.
In seinen eigenen Verlagen, darunter dem Maya- und Saga-Verlag, produzierte er Parodien bekannter Magazine und Comicfiguren. Die Originale wurden dabei nicht nur inhaltlich verspottet. Auch Logo, Aufmachung, Sprache und grafischer Stil wurden möglichst genau nachgeahmt.
So entstanden unter anderem Dr. Spiegel als Parodie auf den Spiegel, lü-stern auf den Stern, Playbock auf den Playboy, Cosmopuritan auf Cosmopolitan, DOGUE als Hunde-Version der Vogue, Badman als Batman-Parodie – und schließlich MÜD als Parodie auf MAD.
Allein diese Titelauswahl zeigt ziemlich gut, in welcher humoristischen Welt Gamber unterwegs war.
MÜD – „Das verpennteste Magazyn der Welt“
1988 erschien beim Saga Verlag MÜD Nr. 08/15.
Schon der Untertitel machte klar, worum es ging:
„Das verpennteste Magazyn der Welt“
Das Cover gestaltete Rudi Hurzelmeier, Hans Gamber wird als Herausgeber beziehungsweise Editor geführt. Das Heft hatte 36 Seiten und kostete 3,50 DM.
Die Ähnlichkeit mit MAD war offenbar verblüffend.
MADtrash berichtet sogar, dass manche Käufer MÜD tatsächlich für eine reguläre MAD-Ausgabe hielten und das Heft irrtümlich kauften.
Für eine Parodie ist das eigentlich das größtmögliche Kompliment.
Gamber hatte nicht einfach ein paar MAD-Gags kopiert. Er hatte die äußere Erscheinung des Magazins so überzeugend imitiert, dass die Parodie im Zeitschriftenregal beinahe als Original durchging.
MAD wird mit den eigenen Waffen geschlagen
Besonders interessant ist der Inhalt von MÜD.
Ein Teil des Materials stammte aus dem amerikanischen National Lampoon, jenem legendären Satiremagazin, das selbst zeitweise in Konkurrenz zu MAD stand. Bereits 1971 hatte National Lampoon eine umfangreiche MAD-Parodie veröffentlicht.
Gamber übersetzte und bearbeitete solche Beiträge für seine deutsche MÜD-Ausgabe. MADtrash nennt unter anderem Material des Drehbuchautors John Hughes sowie Zeichnungen von Joe Orlando.
Das führt zu einer ausgesprochen schönen satirischen Verschachtelung:
Ein deutsches Magazin parodiert das deutsche MAD mit Material eines amerikanischen Satiremagazins, das zuvor das amerikanische MAD parodiert hatte.
Mehr Meta-Humor geht beinahe nicht.
Auch Perry Rhodan musste dran glauben
MAD war keineswegs Gambers einziges Opfer.
1986 veröffentlichte sein Maya-Verlag anlässlich des 25-jährigen Jubiläums von Perry Rhodan die Parodie:
„Parody R. Hodan – Die galaktische Gurke“
Der Text stammte von Matthias Horx, Gamber war der Verleger. Das Heft verspottete den gewaltigen Perry-Rhodan-Kosmos mit entsprechendem Science-Fiction-Unfug.
Auch hier zeigt sich Gambers Konzept: Je bekannter und ehrwürdiger ein Original war, desto besser eignete es sich als Ziel.
Dann kamen Asterix und die Anwälte
Dass Parodien allerdings nicht immer folgenlos bleiben, musste Gamber später auf äußerst schmerzhafte Weise erfahren.
Mit „Alcolix – Die Parodie“ und „Die hysterischen Abenteuer von Isterix“ nahm er sich Asterix vor.
Asterix-Mitschöpfer Albert Uderzo klagte dagegen.
Während viele andere parodierte Verlage Gambers Veröffentlichungen offenbar relativ gelassen hinnahmen, entwickelten sich um die Asterix-Parodien langwierige juristische Auseinandersetzungen. In zweiter Instanz wurden die Veröffentlichungen als unzulässige Übernahmen bewertet. Prozesskosten, Schadensersatzforderungen und Verluste durch Verkaufsverbote brachten Gamber schließlich wirtschaftlich in massive Schwierigkeiten.
Seine Karriere als Parodieverleger nahm damit ein tragisches Ende.
Ein ungewöhnlicher weiterer Lebensweg
Ältere Online-Biografien verlieren Gambers Spur später teilweise und enthalten inzwischen offensichtlich überholte Angaben über seinen Verbleib.
Eine wesentlich neuere Quelle liefert der Internationale Bund: In dessen Jahresrückblick zur Wohnungslosenhilfe wird Gamber für 2023 im Alter von 79 Jahren ausdrücklich als Bewohner einer Einrichtung beschrieben. Dort arbeitete er wieder an einem Buch – klassisch auf der Schreibmaschine und erneut unter seinem Pseudonym Christopher Barr.
Seine Geschichte bekam damit eine unerwartet ernste Dimension.
Aus dem erfolgreichen Journalisten, Autor und Satireverleger wurde ein Mann, der nach wirtschaftlichem Absturz mehrfach von Wohnungslosigkeit betroffen war – und trotzdem weiter schrieb.
Warum Hans Gamber auf eine MAD-Fanclubseite gehört
Hans Gamber gehörte nicht zur „Usual Gang of Idiots“.
Er zeichnete keine jahrzehntelangen MAD-Serien und saß nicht in der deutschen MAD-Redaktion.
Und trotzdem gehört seine Geschichte für mich unbedingt zur deutschen MAD-Kultur.
Denn ein Magazin wird erst dann wirklich zu einem kulturellen Phänomen, wenn es selbst parodiert werden kann.
1988 war MAD in Deutschland so bekannt, dass Hans Gamber nur wenige Buchstaben verändern musste:
MAD wurde MÜD.
Die Leser verstanden sofort, was gemeint war.
Und einige offenbar sogar ein bisschen zu spät – nämlich erst nachdem sie das falsche Heft gekauft hatten.
Vielleicht ist das die schönste Pointe dieser Geschichte:
MAD machte sich über die ganze Welt lustig.
Hans Gamber machte sich über MAD lustig.
