Gunter Baars – vom MAD-Fan zum Mann neben Herbert Feuerstein

LEXIKON

Alfred E. Neumann

8/29/20265 min read

Bei vielen Künstlern begann die Karriere bei MAD mit einer Bewerbungsmappe. Bei Gunter Baars begann sie noch typischer für dieses Magazin:

Er war zunächst einfach begeisterter Leser.

Dann schickte er etwas ein.

Und plötzlich gehörte er selbst zu den Leuten, die den ganzen Unsinn produzierten.

Baars wurde 1962 in Hamburg-Altona geboren und veröffentlichte seinen ersten eigenen Beitrag für das deutsche MAD bereits mit 17 Jahren. Seine ersten beiden Veröffentlichungen im Magazin waren sogar Leserbriefe. Wenige Jahre später saß er praktisch auf der anderen Seite des Schreibtisches.

Vom Leser zum MAD-Autor

Baars bezeichnete sich rückblickend selbst als „glühenden Fan und Abonnenten“ des deutschen MAD.

Andere Comics las er natürlich ebenfalls. Besonders mochte er die frankobelgischen Klassiker wie Asterix, Lucky Luke, Tim und Struppi und die Schlümpfe. Bei amerikanischen Comics konnte er dagegen nach eigener Aussage – mit Ausnahme von Donald Duck – wesentlich weniger anfangen.

MAD war die Ausnahme.

Und als einer seiner eingesandten Beiträge tatsächlich angenommen wurde, entwickelte sich daraus weit mehr als nur ein gelegentlicher Nebenjob.

Der zweite Mann in der Redaktion

Von 1982 bis 1987 arbeitete Baars fest in der deutschen MAD-Redaktion.

Im Impressum wirkte seine Funktion als Redaktionsassistent möglicherweise bescheidener, als sie tatsächlich war. Baars erklärte später, dass die deutsche MAD-Redaktion zu dieser Zeit im Grunde aus Herbert Feuerstein und ihm selbst bestand.

Feuerstein war der Chefredakteur und bestimmte Inhalt und Stil.

Baars war der andere Redakteur.

Damit gehörte ein Mann Anfang zwanzig plötzlich zum innersten Kreis eines Magazins, das damals zu den erfolgreichsten deutschen Comic- und Humorzeitschriften gehörte.

Herbert Feuerstein als Mentor

Baars war erst 17 Jahre alt, als er bei MAD begann. Entsprechend wichtig wurde Herbert Feuerstein für seine Entwicklung.

Baars bezeichnete ihn später ausdrücklich als seinen Mentor.

Feuerstein war berüchtigt für seine Genauigkeit. Nach Baars' Erinnerung kontrollierte er praktisch jedes Komma und jeden Punkt im Magazin. Am Anfang redigierte Feuerstein die Gags seines jungen Mitarbeiters noch stark, später immer weniger.

Baars lernte damit das MAD-Handwerk unmittelbar von dem Mann, der die deutsche Ausgabe entscheidend geprägt hatte.

Einmal im Monat kam Feuerstein nach Hamburg. Baars verbrachte dann oft einen ganzen Tag mit ihm. Nach Feierabend gingen beide gelegentlich noch essen – oder spielten in einer Spielhalle Computerspiele.

Auch das klingt irgendwie sehr nach MAD.

Deutsche Gags für amerikanische Bilder

Eine der schwierigsten Aufgaben von Baars bestand darin, amerikanische MAD-Beiträge für deutsche Leser aufzubereiten.

Eine einfache Übersetzung reichte häufig nicht aus.

Amerikanische Wortspiele funktionierten im Deutschen nicht, politische Anspielungen waren hierzulande unbekannt und außerdem musste der neue Text in die bereits vorhandenen Sprechblasen passen.

Baars erinnerte sich daran, zwischen 1982 und 1987 zahlreiche amerikanische Beiträge übersetzt und teilweise erheblich neu getextet zu haben.

Gerade dadurch wurde das deutsche MAD zunehmend zu einem eigenständigen Magazin.

Nicht alles, was aus Amerika kam, wurde einfach übernommen.

Es wurde verändert, neu geschrieben oder vollständig ersetzt.

Wenn acht amerikanische Ausgaben nicht reichen

Hinzu kam ein ganz praktisches Problem.

Das amerikanische MAD erschien damals seltener als die deutsche Ausgabe. Außerdem waren nicht alle US-Beiträge für Deutschland verwendbar.

Also musste eigenes Material her.

Baars schrieb beziehungsweise bearbeitete deshalb zahlreiche Beiträge, die anschließend von deutschen Zeichnern umgesetzt wurden. Künstler wie Dieter Stein, Ivica Astalos und Nils Fliegner gehörten zu diesem Umfeld. Der ehemalige MAD-Zeichner Nils Fliegner erinnerte sich später ausdrücklich daran, dass das Textliche häufig von Baars als Redaktionsassistent erledigt wurde.

Damit hatte Baars erheblichen Anteil daran, dass das deutsche MAD der Feuerstein-Zeit seinen eigenen Humor entwickelte.

„Frank Vielmeister“

Wer alte deutsche MAD-Hefte genau studiert, findet allerdings nicht überall den Namen Gunter Baars.

Dafür gibt es einen Grund.

Herbert Feuerstein wollte vermeiden, dass dieselben Namen innerhalb einer Ausgabe ständig auftauchten. Außerdem arbeiteten bei manchen Beiträgen mehrere Texter zusammen.

Für solche Fälle erfand die Redaktion das Pseudonym:

Frank Vielmeister

Da Baars in seiner intensivsten MAD-Zeit an sehr vielen Bereichen einer Ausgabe beteiligt war, wurden auch zahlreiche seiner Arbeiten unter diesem Sammelnamen veröffentlicht.

Für Sammler bedeutet das:

Nicht überall, wo Baars drinsteckt, steht auch Baars drauf.

Leserbriefe – bitte keine Standardantworten

Eine weitere Aufgabe von Baars war die berühmte MAD-Leserbriefseite.

Auch hier hatte Feuerstein eine klare Regel:

Keine vorgefertigten Antworten.

Jeder Leser sollte möglichst eine eigene freche Antwort bekommen. Nur bei Fragen, die zum hundertsten Mal gestellt wurden, durfte Baars gelegentlich auf einen Standardspruch zurückgreifen.

Das erklärt einiges vom besonderen Ton der damaligen Leserbriefseiten.

Sie wirkten nicht wie Kundenservice.

Sie wirkten wie MAD.

Titelideen, Übersetzungen und jede Menge Blödsinn

Baars machte innerhalb der kleinen Redaktion praktisch alles:

Er schrieb Gags, entwickelte Themen, bearbeitete amerikanische Beiträge, übersetzte Texte, beantwortete Leserbriefe und lieferte gelegentlich sogar Ideen für Titelbilder.

In einzelnen Heften lässt sich seine Arbeit konkret nachvollziehen. So schrieb er beispielsweise die Parodie „Protznase – Das Magazin für Angeber, Maulhelden und Snobs“, die Dieter Stein zeichnete. Gemeinsam mit Ivica Astalos entstand außerdem eine Folge der „MAD-Sternstunden der Menschheit“ über Wilhelm Conrad Röntgen.

Gunter Baars war damit weniger der Künstler mit einem sofort erkennbaren Zeichenstil.

Sein Werkzeug waren die Ideen und Texte.

Nach MAD kamen die Ottifanten

1987 endete seine feste Zeit in der MAD-Redaktion.

Doch ein ehemaliger MAD-Kollege sollte für seinen weiteren Weg besonders wichtig werden:

Ully Arndt.

Gemeinsam produzierten Baars und Arndt von 1987 bis 2003 unter anderem die Comics rund um Otto Waalkes' Ottifanten sowie die Serien „Larry“ und „Kosinus“.

Der erste Ottifanten-Comic erschien am 1. August 1987 in der Hamburger Morgenpost. Arndt zeichnete, Baars schrieb die Texte. Beide kannten sich bereits aus ihrer gemeinsamen MAD-Zeit.

Aus den Comics entwickelte sich schließlich ein erheblich größeres Projekt.

Baars arbeitete auch an Merchandising, der Ottifanten-Zeichentrickserie und dem Kinofilm „Kommando Störtebeker“ mit. Außerdem lieferte er immer wieder Gags für Otto Waalkes.

Vom MAD-Gag zum Spieleerfinder

Noch ungewöhnlicher verlief der nächste Teil seiner Karriere.

Seit 1993 konzentrierte sich Gunter Baars zunehmend auf die Entwicklung von Gesellschafts- und Kinderspielen.

Sein erstes Spiel entwickelte er im Auftrag von Ravensburger – passenderweise mit den Ottifanten als Thema. Später entstanden mehr als 50 veröffentlichte Spiele. Zu seinen bekannten Titeln gehören unter anderem:

„Der zerstreute Pharao“,
„Sphinx“
und „Luxor“.

Eigentlich ist der Schritt vom MAD-Autor zum Spieleerfinder gar nicht so groß, wie er zunächst klingt.

In beiden Fällen geht es schließlich darum, eine Idee zu entwickeln, Regeln beziehungsweise Strukturen zu schaffen – und andere Menschen möglichst gut zu unterhalten.

Der Goldene Alfred

Eine besonders schöne Verbindung zu seiner MAD-Vergangenheit bewahrte Baars übrigens ganz wörtlich auf.

In der Redaktion standen einst mehrere Exemplare des „Goldenen Alfred“, einer MAD-Trophäe mit Alfred E. Neumann.

Baars berichtete 2011, dass eines dieser Exemplare noch immer in seinem Arbeitszimmer stehe.

Und bevor irgendein Sammler auf dumme Gedanken kommt, fügte er vorsorglich hinzu:

Unverkäuflich.

Ein wichtiger Mann des deutschen MAD

Herbert Feuerstein machte aus der deutschen MAD-Ausgabe wesentlich mehr als eine Übersetzung des amerikanischen Originals.

Doch er tat das nicht allein.

Zu den deutschen Autoren und Zeichnern, die diese Ära prägten, gehörten Ivica Astalos, Dieter Stein, Nils Fliegner, Rolf Trautmann – und Gunter Baars.

Baars kam als jugendlicher MAD-Fan in die Redaktion und verließ sie Jahre später als erfahrener Autor und Redakteur.

Danach schrieb er Ottifanten-Comics, Fernsehdrehbücher, Kinofilmstoffe und erfand Gesellschaftsspiele.

Vielleicht ist seine Karriere deshalb selbst ziemlich MAD:

Mit 17 ein paar Gags einschicken – und anschließend ein Berufsleben daraus machen, sich immer neuen Blödsinn auszudenken.