François Truffaut und MAD – vom Scheiterhaufen zur Karikatur
LEXIKON
Alfred E. Neumann
9/27/20266 min read
Auf den ersten Blick haben François Truffaut und MAD nicht besonders viel miteinander zu tun.
Hier einer der bedeutendsten französischen Filmregisseure des 20. Jahrhunderts, Mitbegründer der Nouvelle Vague, Filmkritiker und leidenschaftlicher Verehrer von Literatur und Kino.
Dort ein amerikanisches Satiremagazin mit Alfred E. Neumann, Don Martin, Spion & Spion und dem erklärten Ziel, möglichst wenig ernst zu nehmen.
Und trotzdem kreuzten sich ihre Wege auf bemerkenswerte Weise.
Nicht nur einmal.
Denn 1966 ließ Truffaut in seinem Film „Fahrenheit 451“ tatsächlich MAD verbrennen. Gut zehn Jahre später revanchierte sich MAD gewissermaßen – und machte Truffaut selbst zur Comicfigur.
Ein Regisseur, der Bücher liebte
François Truffaut wurde 1932 in Paris geboren und gehörte zu den prägenden Figuren der französischen Nouvelle Vague.
Bevor er selbst Regisseur wurde, schrieb er als Filmkritiker für die berühmte französische Zeitschrift Cahiers du Cinéma. Gemeinsam mit Filmemachern wie Jean-Luc Godard, Claude Chabrol, Éric Rohmer und Jacques Rivette stellte er viele der damaligen Vorstellungen darüber infrage, was gutes Kino sein müsse.
Mit Filmen wie Sie küssten und sie schlugen ihn, Jules und Jim, Die amerikanische Nacht und Der Mann, der die Frauen liebte wurde Truffaut schließlich selbst zu einem der international bekanntesten europäischen Regisseure.
Literatur spielte in seinem Leben eine ebenso große Rolle wie Film.
Vielleicht war gerade deshalb ausgerechnet Ray Bradburys Fahrenheit 451 für ihn so interessant.
Eine Welt, in der Bücher verboten sind
Bradburys 1953 erschienener Roman beschreibt eine Gesellschaft, in der der Besitz und das Lesen von Büchern verboten sind.
Die „Feuerwehr“ löscht keine Brände mehr.
Sie legt sie.
Wann immer Bücher entdeckt werden, rücken die Feuerwehrmänner aus und verbrennen sie.
Der Feuerwehrmann Guy Montag beginnt allerdings irgendwann selbst zu lesen. Damit entdeckt er eine Welt des Denkens, Zweifelns und Hinterfragens, die ihm seine Gesellschaft bewusst vorenthalten hat.
Truffaut beschäftigte sich mehrere Jahre mit dem Stoff und verfilmte ihn schließlich 1966 mit Oskar Werner und Julie Christie in den Hauptrollen. Es war Truffauts erster englischsprachiger Film und zugleich einer der ungewöhnlichsten seiner Karriere.
Und Truffaut machte bei den Buchverbrennungen etwas Bemerkenswertes.
Er entschied sehr genau, was dort verbrannt werden sollte.
Proust, Kafka, Dalí – und MAD
Während der Verbrennungsszenen fährt die Kamera immer wieder über Bücher und Zeitschriften.
Zu erkennen sind Werke von Autoren wie Marcel Proust, Franz Kafka, Fjodor Dostojewski, Oscar Wilde, Vladimir Nabokov, Charles Dickens, Gustave Flaubert und Henry Miller.
Auch George Orwells Animal Farm und 1984, The Catcher in the Rye, Moby-Dick, Don Quijote, Madame Bovary und viele weitere Titel tauchen auf.
Truffaut ließ sogar Cahiers du Cinéma ins Feuer werfen – jene Filmzeitschrift also, für die er selbst als Kritiker geschrieben hatte.
Und zwischen all diesen Werken findet sich:
MAD.
Filmwissenschaftliche Untersuchungen von Fahrenheit 451 weisen ausdrücklich darauf hin, dass Truffaut Hochliteratur, populäre Literatur, Sachbücher, Kinderbücher, Comics und Zeitschriften bewusst nebeneinander zeigt. Die Kamera macht dabei keinen Unterschied zwischen Proust, Salvador Dalí, Cahiers du Cinéma und MAD.
Das ist für die Bedeutung dieser kurzen MAD-Szene entscheidend.
Nicht irgendein MAD-Heft
Bei dem MAD-Objekt handelt es sich nach den verfügbaren Quellen um das Taschenbuch beziehungsweise Paperback
„We're Still Using That Greasy MAD Stuff“.
Die Ausgabe erschien 1963 bei New American Library unter dem Signet-Label, kostete 50 Cent und umfasste 196 Seiten. Herausgeber war Al Feldstein. Auf dem Cover ist Alfred E. Neuman mit zurückgegelten beziehungsweise geradezu vor Fett triefenden Haaren zu sehen.
Das Paperback enthielt Nachdrucke von Material aus dem MAD-Magazin – darunter Arbeiten von Künstlern und Autoren aus der klassischen Feldstein-Ära.
Und dieses MAD-Buch landete wenige Jahre nach seinem Erscheinen bei Truffaut auf dem Scheiterhaufen.
Wollte Truffaut MAD damit abwerten?
Genau das Gegenteil liegt näher.
Wer die Szene isoliert betrachtet, könnte meinen: Truffaut hält MAD für minderwertige Literatur und wirft es deshalb zwischen die zu vernichtenden Bücher.
Doch das funktioniert innerhalb von Fahrenheit 451 nicht.
Denn verbrannt werden gerade jene Dinge, die die totalitäre Gesellschaft für gefährlich hält.
Bücher und Zeitschriften sind gefährlich, weil sie Menschen zum Denken, Zweifeln, Lachen, Vergleichen und Widersprechen bringen können.
Dabei ist es völlig gleichgültig, ob es sich um Proust oder MAD handelt.
In einer wissenschaftlichen Analyse der Szene wird genau diese Mischung hervorgehoben: Truffaut kombiniert bewusst sogenannte Hochkultur mit Kriminalromanen, technischen Büchern, Kinderliteratur, Comics und populären Zeitschriften. Die Kamera bewertet sie nicht nach einem kulturellen Rang.
Das macht die MAD-Szene ausgesprochen interessant.
MAD wird bei Truffaut Teil der Welt des freien Denkens.
Eigentlich passt MAD perfekt zu Fahrenheit 451
Und je länger man darüber nachdenkt, desto logischer erscheint die Auswahl.
MAD lehrte seine Leser über Jahrzehnte hinweg praktisch das Gegenteil dessen, was die Gesellschaft von Fahrenheit 451 verlangt.
MAD sagte:
Glaube Werbung nicht einfach.
Glaube Politikern nicht einfach.
Glaube Hollywood nicht einfach.
Glaube Unternehmen nicht einfach.
Und vor allem:
Nimm Autoritäten nicht automatisch ernst.
Genau diese Haltung machte MAD für mehrere Generationen amerikanischer Leser prägend. Historiker und ehemalige Leser haben immer wieder darauf hingewiesen, dass MAD jungen Menschen beibrachte, Werbung, Politik und Medien skeptisch zu betrachten.
Für die Welt von Fahrenheit 451 wäre ein solches Magazin ausgesprochen gefährlich.
Alfred E. Neumann fragt zwar:
„What – Me Worry?“
Doch das Magazin hinter diesem Gesicht brachte seine Leser ständig dazu, sich zu fragen:
„Stimmt das eigentlich?“
Hat Truffaut MAD selbst gelesen?
Hier sollten wir allerdings vorsichtig sein.
Dass Truffaut das Magazin beziehungsweise das MAD-Paperback bewusst in Fahrenheit 451 zeigt, ist eindeutig dokumentiert.
Einen belastbaren Beleg dafür, dass François Truffaut selbst ein begeisterter MAD-Fan oder regelmäßiger MAD-Leser gewesen sei, konnte ich dagegen bislang nicht finden.
Wir sollten deshalb aus dem Filmauftritt nicht automatisch eine persönliche Fanbeziehung machen.
Es lässt sich aber feststellen, dass MAD für Truffauts Inszenierung offenbar kulturell relevant genug war, um neben den zahlreichen anderen bewusst ausgewählten Publikationen in einer der zentralen Szenen des Films aufzutauchen.
Und das ist für sich genommen schon bemerkenswert.
Dann wechselten die Rollen
Damit könnte die Geschichte eigentlich enden.
Doch gut ein Jahrzehnt später kam es zu einer wunderbaren Umkehrung.
Diesmal tauchte nicht MAD in einem Film von François Truffaut auf.
François Truffaut tauchte in MAD auf.
Der Grund war Steven Spielberg.
Truffaut wird Schauspieler
1977 drehte Steven Spielberg seinen Science-Fiction-Klassiker „Close Encounters of the Third Kind“, auf Deutsch Unheimliche Begegnung der dritten Art.
Spielberg wollte François Truffaut unbedingt für eine der wichtigsten Nebenrollen haben. In einem zeitgenössischen Interview erzählte Spielberg, dass er zunächst andere französische Schauspieler erwogen habe, schließlich aber Truffaut direkt zu Hause anrief und ihm die Rolle anbot.
Truffaut sagte zu.
Er spielte den französischen Wissenschaftler Claude Lacombe, der die rätselhaften UFO-Erscheinungen untersucht und schließlich am Kontakt mit den Außerirdischen beteiligt ist. Das British Film Institute bezeichnet Truffauts Darstellung als besonders einnehmend.
Für Truffaut war das eine ungewöhnliche Situation.
Normalerweise stand er hinter der Kamera.
Nun spielte er in einem der größten Hollywoodfilme der 1970er-Jahre.
Und damit geriet er zwangsläufig in das Visier von MAD.
„Clod Encounters of the Absurd Kind“
In MAD Nr. 200 vom Juli 1978 erschien die große Parodie auf Spielbergs Film.
Ihr Titel:
„Clod Encounters of the Absurd Kind“
Das Drehbuch beziehungsweise der Text stammte von Stan Hart.
Die Zeichnungen lieferte niemand Geringeres als Mort Drucker – jener MAD-Künstler, der über Jahrzehnte Hollywoodstars so präzise karikierte, dass seine Filmparodien praktisch ein eigenes Genre wurden.
Und natürlich gehörte zu Druckers Figuren auch:
François Truffaut.
Die Grand Comics Database führt ihn ausdrücklich als Figur der sieben Seiten langen Geschichte auf – neben Richard Dreyfuss, Melinda Dillon, Teri Garr und Cary Guffey.
Damit geschah etwas herrlich Passendes:
Zwölf Jahre nachdem Truffaut MAD in seinem Film verbrannt hatte, zeichnete Mort Drucker Truffaut in MAD.
Und sogar die deutschen MAD-Leser bekamen Truffaut
Noch schöner für unsere deutsche MAD-Geschichte:
Die Parodie wurde auch im deutschen MAD veröffentlicht.
Sie erschien in MAD Nr. 112 vom August 1978 unter Herbert Feuerstein.
Der deutsche Titel lautete:
„Peinliche Begegnung der müden Art“
MAD kündigte das Ganze auf dem Cover mit den Worten an:
„Wir hetzen gegen den UFO-Film ‚Unheimliche Begegnung‘“
Die sieben Seiten übernahmen wiederum die Zeichnungen von Mort Drucker und die Geschichte von Stan Hart.
Damit begegnete Truffaut auch den deutschen MAD-Lesern als Karikatur.
Gerade für deine Sammlung ist MAD Nr. 112 deshalb ein interessantes Heft: Es ist die deutsche Ausgabe, in der einer der bedeutendsten europäischen Regisseure des 20. Jahrhunderts zum MAD-Charakter wird.
Ein außergewöhnlicher Kreis schließt sich
Und damit haben wir einen ungewöhnlich schönen Kreislauf:
1963
Das Paperback We're Still Using That Greasy MAD Stuff erscheint.
1966
François Truffaut lässt dieses MAD-Paperback in Fahrenheit 451 zusammen mit Werken der Weltliteratur verbrennen.
1977
Truffaut spielt Claude Lacombe in Steven Spielbergs Close Encounters of the Third Kind.
Juli 1978
MAD parodiert den Film in US-MAD Nr. 200. Mort Drucker karikiert dabei François Truffaut.
August 1978
Die Geschichte erscheint als „Peinliche Begegnung der müden Art“ in der deutschen MAD Nr. 112.
Vom Leser beziehungsweise zumindest Verwender eines MAD-Produkts zum Bestandteil einer MAD-Parodie:
Viel besser lässt sich der Weg zwischen Filmgeschichte und MAD kaum erzählen.
MAD zwischen Proust und Kafka
Für mich bleibt dennoch die Szene aus Fahrenheit 451 der spannendste Teil dieser Geschichte.
Denn dort steht MAD für etwas, das man dem Magazin auf den ersten Blick vielleicht gar nicht zutrauen würde.
Nicht bloß für Humor.
Nicht bloß für Comics.
Sondern für geistige Freiheit.
Truffaut zeigt eine Welt, in der eine Regierung entscheiden möchte, welche Gedanken Menschen kennenlernen dürfen. Auf dem Scheiterhaufen landen deshalb nicht nur die anerkannten Meisterwerke der Literatur.
Dort landen Proust und Orwell.
Kafka und Nabokov.
Cahiers du Cinéma.
Und eben auch MAD.
Gerade dadurch wird die Aussage der Szene so stark:
Eine Kultur ist nicht nur dann frei, wenn sie ihre großen Klassiker lesen darf. Sie ist auch dann frei, wenn sie Albernheiten, Satire, Comics und schlechte Witze lesen darf.
Vielleicht hätte Alfred E. Neumann dazu nur die Schultern gezuckt.
Aber François Truffaut setzte ihn 1966 zumindest für einen kurzen Moment in ausgesprochen vornehme Gesellschaft.
Und zwölf Jahre später bekam er dafür von MAD die angemessene Gegenleistung:
Mort Drucker zeichnete ihn selbst.


