Evan Dorkin – wenn Comicfans selbst zum Ziel der Satire werden
LEXIKON
Alfred E. Neumann
8/24/20264 min read


Bei MAD wurde praktisch alles verspottet: Politik, Fernsehen, Werbung, Prominente – und natürlich auch die Menschen, die Comics lesen.
Für Letzteres war Evan Dorkin geradezu prädestiniert.
Der amerikanische Cartoonist, Autor und Illustrator ist selbst leidenschaftlicher Comic- und Popkulturfan. Gleichzeitig besitzt er ein bemerkenswertes Talent dafür, genau diese Welt gnadenlos auseinanderzunehmen. Seine Comics sind laut, chaotisch, zynisch, manchmal aggressiv – und häufig ausgesprochen komisch.
Damit passte er hervorragend zu MAD.
Ein Cartoonist aus Brooklyn
Evan Dorkin wurde am 20. April 1965 in Brooklyn, New York, geboren. Bekannt wurde er vor allem durch seine eigenen Comicserien „Milk & Cheese“, „Dork“, „The Eltingville Club“ und zuvor Pirate Corp$, das später unter dem Titel Hectic Planet weitergeführt wurde.
Schon früh entwickelte Dorkin einen Zeichen- und Erzählstil, der kaum mit traditionellen Superheldencomics vergleichbar war.
Seine Seiten sind oft vollgestopft mit Figuren, Schildern, Kommentaren, kleinen Nebenhandlungen und Dialogen. Seine Charaktere schreien, streiten, demolieren Dinge und beschimpfen sich gegenseitig.
Kurz gesagt:
Ordnung ist bei Evan Dorkin eher ein vorübergehender Zustand.
Milk & Cheese – Milchprodukte mit Aggressionsproblemen
Seine wahrscheinlich berühmteste Schöpfung entstand ausgerechnet auf einer Serviette.
Dorkin erzählt selbst, dass er nach einem Konzert mit Freunden in einem mexikanischen Restaurant saß und beim Warten auf das Essen einen wütenden Milchkarton und ein ebenso wütendes Stück Käse zeichnete.
Daraus entstanden:
Milk & Cheese
Die beiden bezeichnete er später als seine „Dairy Products Gone Bad“.
Milk und Cheese ziehen durch die Welt, brüllen herum, zerstören Dinge und reagieren auf praktisch jede Situation mit vollkommen übertriebener Gewalt.
Die erste Comicgeschichte mit den beiden erschien Ende der 1980er-Jahre im Musik- und Comicmagazin Greed. Später erhielten Milk & Cheese ihre eigene Serie.
1996 gewann „Milk & Cheese: Six Six Six“ sogar einen Eisner Award als beste Humor-Publikation.
Dork und The Eltingville Club
Noch interessanter für Comic-Sammler ist möglicherweise Dorkins „The Eltingville Club“.
Hier richtet er seinen Humor direkt gegen die eigene Szene.
Die Mitglieder des fiktiven Eltingville Comic Book, Science-Fiction, Fantasy, Horror and Role-Playing Club lieben Comics, Filme, Spiele und Science-Fiction – allerdings auf eine Weise, die jede Freude daran beinahe unmöglich macht.
Sie diskutieren.
Sie streiten.
Sie versuchen ständig zu beweisen, dass sie mehr wissen als die anderen.
Sie beleidigen andere Fans.
Und natürlich kaufen sie trotzdem immer weiter Comics.
Dorkin macht sich damit über genau jene Sorte Fan lustig, die aus einem eigentlich schönen Hobby einen permanenten Wettbewerb um Fachwissen und vermeintliche Überlegenheit macht.
Das funktioniert deshalb so gut, weil Dorkin diese Welt selbst kennt. Seine Comics verspotten Fandom, ohne so zu tun, als stünde der Zeichner außerhalb davon.
2002 entstand daraus sogar ein animierter Pilotfilm für Adult Swim:
„Welcome to Eltingville“
Seit 2004 bei MAD
Seine dokumentierte Mitarbeit beim amerikanischen MAD begann in MAD Nr. 438 vom Februar 2004.
Dort erschien auf den Fundalini Pages:
„Monkeys Are Always Funny“
Dorkin nahm berühmte historische oder politische Situationen und ergänzte sie um – Affen.
Denn die Grundidee war denkbar einfach:
Mit einem Affen wird alles lustiger.
Die erste Folge bezog sich auf die Beschlagnahmung beziehungsweise Rückführung des kubanischen Jungen Elián González. Bereits in den folgenden Ausgaben setzte Dorkin die Reihe fort, unter anderem mit George W. Bush, der Hindenburg-Katastrophe, Osama bin Laden und Abraham Lincoln.
Das Konzept ist eigentlich herrlich MAD-typisch:
Ein historisch bedeutendes oder politisch aufgeladenes Ereignis wird genommen – und anschließend durch völligen Unsinn entwürdigt.
Mehr als nur „Monkeys Are Always Funny“
Dorkin blieb keineswegs bei dieser einen Serie.
Für MAD schrieb und zeichnete er zahlreiche weitere Beiträge. Schon in MAD Nr. 443 vom Juli 2004 erschien beispielsweise seine Fernsehsatire:
„VH1's The Behind of the Music: Def Leppard Drummer Rick Allen's Left Arm“.
Dabei konnte Dorkin sowohl als Autor als auch als Zeichner arbeiten – eine Kombination, die ihm erlaubte, seine sehr persönliche Art von Humor direkt umzusetzen.
Auch seine Frau Sarah Dyer, selbst Comic-Autorin und Künstlerin, arbeitete immer wieder gemeinsam mit ihm. Dorkin und Dyer bilden seit vielen Jahren auch außerhalb von MAD ein kreatives Team.
Von MAD zu Spy vs. Spy
Dorkins Verbindung zu MAD ging über reguläre Magazinbeiträge hinaus.
2015 beteiligte er sich an „Spy vs. Spy: An Explosive Celebration“, einem großen Tribute-Projekt zu Antonio Prohías' legendärem schwarzen und weißen Spion.
Damit schließt sich ein interessanter Kreis: Ein Künstler, der mit dem absurden und anarchischen Humor amerikanischer Comics aufgewachsen war, durfte später selbst eine der berühmtesten MAD-Serien interpretieren.
Auch im Fernsehen erfolgreich
Evan Dorkins Karriere beschränkt sich keineswegs auf gedruckte Comics.
Gemeinsam mit Sarah Dyer schrieb er unter anderem für:
„Space Ghost Coast to Coast“,
„Superman“,
„Batman Beyond“,
„Ben 10“
und weitere Animationsproduktionen.
Besonders Space Ghost Coast to Coast passt erstaunlich gut zu Dorkins Humor.
Die Serie nahm eine alte Superheldenfigur und verwandelte sie in den Moderator einer völlig absurden Talkshow – eine Mischung aus Popkultur, Parodie und bewusstem Unsinn, die auch problemlos in MAD hätte funktionieren können.
Beasts of Burden – plötzlich ganz anders
Dass Dorkin wesentlich mehr kann als Krawall und Comicfan-Satire, zeigt „Beasts of Burden“.
Gemeinsam mit der Zeichnerin Jill Thompson entwickelte er eine ungewöhnliche Horrorserie über Hunde und Katzen, die ihre Heimat vor übernatürlichen Bedrohungen schützen.
Die Geschichten verbinden Horror, Mystery, Humor und überraschend emotionale Momente.
Auch dieses Projekt wurde mehrfach ausgezeichnet. Dorkin erhielt im Laufe seiner Karriere zahlreiche Eisner- und Harvey Awards für verschiedene Arbeiten.
Ein Künstler, der sich selbst nicht ausnimmt
Vielleicht liegt genau darin Evan Dorkins Stärke.
Er macht sich über Comics lustig.
Er liebt Comics.
Er verspottet Sammler.
Er ist selbst Sammler und Fan.
Er kritisiert Nerdkultur – und kennt gleichzeitig jedes Detail dieser Kultur.
Gerade deshalb wirken seine Geschichten nicht wie Spott von außen. Sie kommen von jemandem, der selbst mitten in dieser Welt steckt.
Seine berühmten Milk-&-Cheese-Figuren entstanden schließlich nicht aufgrund einer ausgeklügelten Marketingstrategie, sondern aus einer betrunkenen Serviettenzeichnung nach einem Ska-Konzert. Jahrzehnte später erinnerte Dorkin sich noch genau an diese Entstehungsgeschichte – und daran, dass die ursprüngliche Serviette tatsächlich noch existiert.
Evan Dorkin und MAD
Dorkin gehört nicht zur klassischen MAD-Generation von Harvey Kurtzman, Al Feldstein oder Don Martin.
Er repräsentiert eine spätere Generation.
Eine Generation, die mit MAD, Superheldencomics, Punk, Fernsehen, Rollenspielen, Science-Fiction und Comicläden aufgewachsen ist – und anschließend begonnen hat, genau diese Kultur selbst zu parodieren.
Damit passt Evan Dorkin letztlich perfekt in die lange Reihe der „Usual Gang of Idiots“.
Denn für MAD galt schon immer:
Wer über alle anderen lacht, sollte unbedingt auch über sich selbst lachen können.
