Drew Friedman – wenn Karikatur fast realistischer wirkt als ein Foto
LEXIKON
Alfred E. Neumann
8/23/20264 min read


Manche MAD-Zeichner erkennt man an riesigen Füßen, andere an wilden Bewegungen oder winzigen Randzeichnungen. Bei Drew Friedman ist es etwas ganz anderes:
Man erkennt jede Falte.
Friedman gehört zu den ungewöhnlichsten Künstlern, die für MAD gearbeitet haben. Seine Karikaturen sind grotesk und überzeichnet – gleichzeitig aber so detailliert und realistisch, dass man fast das Gefühl bekommt, der Porträtierte könne jeden Moment aus dem Bild heraussteigen.
Von New York zu Harvey Kurtzman
Drew Friedman wurde 1958 in New York geboren. Ende der 1970er-Jahre besuchte er die School of Visual Arts in New York. Dort hatte er Lehrer, deren Namen für Comicfans beinahe unglaublich klingen: unter anderem Will Eisner, Harvey Kurtzman, Edward Sorel und Art Spiegelman. Kurtzman, der ursprüngliche Schöpfer und erste Chefredakteur von MAD, wurde damit sogar persönlich einer seiner Lehrer.
Friedman war allerdings schon lange vorher MAD-Fan.
Eine besondere Rolle spielte dabei der große Frank Kelly Freas. Friedman erinnerte sich später daran, dass er im Alter von etwa fünf Jahren das Taschenbuch Son of MAD mit Freas' berühmtem Cover entdeckte. Dieses Bild habe ihn nachhaltig geprägt und in ihm den Wunsch geweckt, eines Tages selbst zur legendären „Usual Gang of Idiots“ zu gehören.
Viele Jahre später sollte genau das tatsächlich passieren.
Ein Stil, bei dem niemand davonkommt
Schon bevor Friedman regelmäßig für MAD arbeitete, hatte er sich einen Namen mit extrem detaillierten Karikaturen gemacht.
Seine frühen Zeichnungen entstanden teilweise durch eine geradezu obsessive Kombination aus feinen Linien, Schraffuren und Punkten. Gesichter wurden bei ihm nicht geglättet oder verschönert.
Im Gegenteil.
Falten, Augenringe, Haut, Zähne, Haare und sämtliche kleinen Eigenheiten eines Gesichtes wurden so genau dargestellt, dass die Karikatur manchmal beinahe brutaler wirkte als ein Foto.
Später arbeitete Friedman verstärkt mit Farbe und malerischen Techniken. Der Grundgedanke blieb jedoch derselbe:
Eine Person muss sofort erkennbar sein – und gleichzeitig unverkennbar nach Drew Friedman aussehen.
Gerade für MAD war diese Fähigkeit natürlich Gold wert.
1993 beginnt seine MAD-Karriere
Sein erster in der MAD Cover Site dokumentierter Beitrag erschien in MAD Nr. 320 vom Juli 1993.
Der Titel:
„Job Opportunities for Presidential Runner-Ups“
Der Text stammte von Andrew J. Schwartzberg, Friedman lieferte die Illustrationen.
Danach tauchte sein Name regelmäßig in MAD auf. Politiker, Fernsehstars, Schauspieler, religiöse Persönlichkeiten und andere Prominente wurden zu seinen Opfern.
Bereits im Dezember 1994 durfte Friedman sogar ein MAD-Titelbild gestalten.
MAD Nr. 332 beschäftigte sich mit dem damals allgegenwärtigen Prozess gegen O. J. Simpson – und das Cover stammte von Drew Friedman. In derselben Ausgabe illustrierte er außerdem einen Text von Frank Jacobs.
Die Sopranos bekommen die Friedman-Behandlung
Eines seiner bekanntesten MAD-Cover entstand 2002.
Für MAD Nr. 422 karikierte Friedman die Besetzung der erfolgreichen Fernsehserie „The Sopranos“.
Das Ergebnis war offenbar nicht nur bei MAD-Lesern beliebt.
Steven Van Zandt, der in der Serie Silvio Dante spielte, bemerkte später sinngemäß, dass es zwar schön gewesen sei, auf dem Cover des Rolling Stone zu erscheinen – wirklich bedeutend habe er sich aber erst gefühlt, als er auf einem MAD-Cover landete.
Auch James Gandolfini, der Tony Soprano spielte, wurde mit Friedmans MAD-Ausgabe fotografiert.
Viel besser kann man wahrscheinlich kaum zeigen, welchen Stellenwert MAD damals noch in der amerikanischen Popkultur besaß.
Politiker, Stars und Popkultur
Friedmans MAD-Arbeiten waren enorm vielseitig.
Er illustrierte unter anderem Beiträge über Newt Gingrich, Louis Farrakhan, Jennifer Lopez und Ben Affleck, Rockstars, Präsidentschaftswahlen, Fernsehen und gesellschaftliche Trends. Auch an MADs Film- und Fernsehparodien sowie an verschiedenen Sonderprojekten war er beteiligt.
Dabei eignete sich Friedmans Stil besonders gut für eine Form von Satire, bei der schon das Gesicht selbst Teil der Pointe war.
Wo ein anderer Cartoonist vielleicht einen langen Text benötigte, genügte bei Friedman manchmal bereits ein Blick auf die porträtierte Person.
Drew Friedman und die MAD-Legenden
Besonders interessant für MAD-Fans ist, dass Friedman sich später selbst intensiv mit der Geschichte jener Künstler beschäftigte, die ihn geprägt hatten.
2014 erschien sein Buch:
„Heroes of the Comics“
Darin porträtierte er 85 bedeutende Persönlichkeiten der amerikanischen Comicgeschichte.
Zu ihnen gehörten unter anderem Will Eisner, Jack Kirby, Stan Lee – und selbstverständlich Harvey Kurtzman. Friedman erklärte, dass gerade ein Porträt von Will Elder und anschließend von seinem ehemaligen Lehrer Kurtzman den Ausgangspunkt für dieses Projekt bildete.
Später folgte „More Heroes of the Comics“.
Damit wurde Friedman nicht nur selbst Teil der Comicgeschichte, sondern begann gleichzeitig, deren große Persönlichkeiten zeichnerisch zu dokumentieren.
Old Jewish Comedians
Eine weitere besonders bekannte Werkreihe Friedmans sind seine Porträts alter amerikanisch-jüdischer Komiker.
In mehreren Büchern unter dem Titel „Old Jewish Comedians“ zeichnete er Persönlichkeiten aus einer Unterhaltungskultur, die ihn stark geprägt hatte.
Auch hier funktioniert sein Stil perfekt: Die Porträtierten werden mit sämtlichen Falten und Eigenheiten dargestellt – liebevoll, aber niemals geschönt.
Es ist eine Mischung aus Hommage und Karikatur.
Eigentlich ziemlich MAD.
Auszeichnung für einen außergewöhnlichen Künstler
2014 erhielt Drew Friedman den Inkpot Award der San Diego Comic-Con für seine Leistungen im Bereich Comics und Illustration.
Seine Arbeiten erschienen längst nicht nur in MAD. Friedman zeichnete beziehungsweise illustrierte unter anderem für renommierte amerikanische Zeitungen und Magazine und veröffentlichte zahlreiche eigene Bücher.
Trotzdem besitzt seine Verbindung zu MAD eine besondere Bedeutung.
Denn hier schloss sich für ihn ein Kreis.
Der Fünfjährige, der begeistert ein Frank-Kelly-Freas-Cover betrachtete und davon träumte, irgendwann selbst für MAD zu arbeiten, wurde Jahrzehnte später tatsächlich Mitglied der „Usual Gang of Idiots“.
Ein ganz eigener Platz in der MAD-Geschichte
Drew Friedman ist weder ein zweiter Mort Drucker noch ein zweiter Don Martin.
Und genau darin liegt seine Bedeutung.
Sein Stil ist so eigenständig, dass man seine Arbeiten sofort erkennt. Er verbindet fotografische Genauigkeit mit gnadenloser Karikatur und schafft damit Gesichter, die gleichzeitig realistisch, komisch und gelegentlich geradezu beunruhigend wirken.
Vielleicht kann man Friedmans Kunst deshalb am besten so beschreiben:
Er zeichnet Menschen nicht so, wie sie gerne aussehen würden.
Er zeichnet sie so, wie MAD sie sehen möchte.
